News Update
1. Januar 1982
Hochschule für angewandte Wissenschaften, Hamburg
Fachbereich Gestaltung
Hochschule für angewandte Wissenschaften, Fachbereich Gestaltung bietet Helnwein Lehrstuhl für Mediengestaltung an, - Helnwein lehnt ab.
Gottfried Helnwein im Gespräch mit Andreas Mäckler (Auszug)
Die Interviews mit Gottfried Helnwein fanden statt am 13. / 14. Juli und wurden am 21. / 22. September 1990 fortgesetzt.
Verlag C.H.Beck
(Seite 87)
MÄCKLER:
Ein Jahr davor, 1982, bietet Ihnen die Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg einen Lehrstuhl für Mediengestaltung an. Wäre ein akademischer Titel nach all dem Gerangel mit den Kunstexperten nicht die rechte Revanche gewesen: "Herr Prof. Helnwein" ...?
HELNWEIN:
Ich wurde zu einem Gespräch eingeladen, kam hin und fragte, worum es geht. Da wurde ich aufgefordert, eine Probevorlesung zu halten. Ich wollte zwar nicht, aber die Studenten und die Professorenschaft warteten bereits im Hörsaal. Ich denke, das ist wirklich das letzte: eine Rede zu halten. Ich würde im Leben nirgends hingehen, wo ich eine Rede halten muß. Aber ich wurde überrumpelt, kam in den Saal, und da saß alles voll mit Studenten und Professoren, und alle warteten, daß ich ihnen mein Konzept erkläre oder was ich vorhabe.
Was mich beeindruckt hat, war zu sehen, wie die alle apathisch vor einem sitzen. Und da bekam ich plötzlich wieder das gleiche Gefühl wie in der Schule früher, nur saß ich diesmal auf der anderen Seite. Und ich habe gesehen, wie sie alle dasitzen, gebrochen, resigniert, kaputt, alle warteten nur, daß ich sage, wo's langgeht. Da dachte ich mir, das läuft hier falsch. Das ist einfach nicht das richtige System. Ich habe den ersten vorne aus dem Tiefschlaf aufgeweckt und gefragt: "Was willst du eigentlich? Warum bist du eigentlich da?" Der hatte keine Ahnung. Die meisten wußten gar nicht, warum sie eigentlich hier waren. Da fragte ich weiter: "Hast du jemals irgendwas gewollt, hast du jemals ein Ziel, einen Traum gehabt ...?" Und langsam ist es dann rausgekommen, daß jeder irgendwann mal sehr wohl etwas vorhatte, was dann nur verschüttet worden ist, zugeschissen durch schwachsinnige Kommentare von irgendwelchen Vorgesetzten. Und ich habe sie nur gefragt, was sie selbst wollen, um ihnen klarzumachen, daß nur ihre eigene Entscheidung wichtig ist. Die meisten warten immer bloß darauf, daß ihnen jemand sagt, ob sie genug Talent haben oder nicht. Dabei ist Talent, was immer das sein soll, kaum von Bedeutung - das einzige, was zählt, ist der Wille, die Intention. Ich kenne Leute, die sehr talentiert sind, aber niemals ein Kunstwerk zustande gebracht haben. Und ich kenne Leute, die sich als Künstler sehr wohl durchgesetzt haben, obwohl sie von der Geschicklichkeit, vom Zeichnerischen her extrem untalentiert waren.
MÄCKLER:
Kannten Sie vor Ihrem Ruf wenigstens die Namen einiger Professoren von der Hamburger Fachhochschule für Gestaltung?
HELNWEIN:
Nein. Ich habe dann meine Bedingungen gestellt. Erstens: Keine Aufnahmeprüfungen für meine Studenten. Wie kann jemand, der bis zum Abitur hoch manipuliert wird, Zeichnungen oder Bilder vorweisen, nach denen man irgend etwas bewerten kann, nach denen man bestimmen soll, ob jemand Künstler werden darf oder nicht? Wer soll so etwas überhaupt bewerten? Jeder müßte die Chance haben, aufgenommen zu werden.
Zweitens: Keine Altersbeschränkung! Ich möchte das Recht haben, einen Dreizehnjährigen aufzunehmen, oder eine Achtzigjährige. Ich kenne Leute, die mit acht Jahren tatsächlich wissen, daß sie Künstler sind und sein wollen. Und ich akzeptiere da keine Einschränkungen.
In Hamburg haben sie aber gesagt: "Das geht nicht. Das ist gegen das Gesetz." Ich bin jedoch von meiner Bedingung nicht abgerückt, und dann schrieben sie noch mehrmals und bemühten sich, aber ich habe schließlich abgelehnt.
MÄCKLER:
Und es jemals bereut?
HELNWEIN:
Nein.




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