News Update
29. Oktober 1988
Frankfurter Allgemeine Zeitung
moen
Evidenter Zufall
Hinter dem Dom hatte kürzlich der Maler Gottfried Helnwein zur Erinnerung an die sogenannte Reichskristallnacht siebzehn bleich geschminkte Riesenportaits von Kinderköpfen aufgestellt. Die von Maler beabsichtigte "rassische" Ähnlichkeit der Kinder mit jenen Bevölkerungsgruppen, die damals von den Nazis verfolgt wurden, besass eine vergleichbare Evidenz des Zufalls wie die Geistertöne aus Graz. Unbekannte fühlten sich angesprochen. Sie haben jetzt die Bilder mit Messern traktiert und den abgebildeten Kindern buchstäblich die Kehle duchgeschnitten. Erst durch die Zerstörung seines Werks nimmt Helnweins Aussage Gestalt an. Bill Fontanas Mikrophone hätten in dieser Kölner Nacht das aufzeichnen können, was sie in Graz vergeblich suchten.
Neunter November Nacht (Ninth November Night)
scanachrome on vinyl, 1988, Installation between Ludwig Museum and Cologne Cathedral, Cologne, each panel 370 x 250 cm, 146 x 98"

Gedenktage sind unsichtbare Mahnmale. Zur Erinnerung an das Jahr 1938 hatte der Amerikanische Künstler Bill Fontana kürzlich auf dem Avantgarde-Festival "steirischer herbst" in Graz eine fast unsichtbare "Klangskulptur" installiert.
Auf acht Plätzen, der einstigen "Stadt der Volkserhebung", denau dort, wo sich vor fünfzig Jahren Nationalsozialisten zur Feier des Reichsanschlusses versammelt hatten, stellte er Mikrophone auf und sammelte mittags Originaltöne.
Die Zufallsgeräusche, die er mit dieser Art Riesen-Stethoskop der Stadt abhorchte, klangen eingentlich ganz wie der übliche Lärmschleier des Alltags: Schritte auf dem Pflaster, Autoreifen, Wortfetzen, Kirchturmglocken. Doch nach einigen Minuten dieses akustischen Protokolls, das auch im Radio übertragen wurde, hätte der Zuhörer beinahe Geister wahrgenommen. Denn obwohl er dem Klangereignis nicht einmal den besonderen Standort der Mikrophone entnehmen konnte, geschweige denn Informationen, tauchte in diesem schwarzen Loch der Alltagsakustik ganz fern eine Ahnung der damaligen Ereignisse auf.
Hörte man nicht plötzlich das, worüber eigentlich Gras gewachsen war? Skandierten die ahnungslosen Schritte nicht schon einen Marschrhythmus, formten sich die Sprachfetzen nicht schon wieder zu "Heil"-Rufen?
Solche beängstigenden Halluzinationen im hellsten Mittagslicht haben jetzt nachts in Köln eine andere, handgreifliche Gestalt angenommen.
Hinter dem Dom hatte kürzlich der Maler Gottfried Helnwein zur Erinnerung an die sogenannte Reichskristallnacht siebzehn bleich geschminkte Riesenportaits von Kinderköpfen aufgestellt.
Die von Maler beabsichtigte "rassische" Ähnlichkeit der Kinder mit jenen Bevölkerungsgruppen, die damals von den Nazis verfolgt wurden, besass eine vergleichbare Evidenz des Zufalls wie die Geistertöne aus Graz.
Unbekannte fühlten sich angesprochen.
Sie haben jetzt die Bilder mit Messern traktiert und den abgebildeten Kindern buchstäblich die Kehle duchgeschnitten. Erst durch die Zerstörung seines Werks nimmt Helnweins Aussage Gestalt an.
Bill Fontanas Mikrophone hätten in dieser Kölner Nacht das aufzeichnen können, was sie in Graz




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