14. September 2005
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Feuilleton
Andreas Platthaus
Mädchen in Uniform: Gottfried Helnweins neue Bilder im Museum Ludwig
"Beautiful Children", Gottfried Helnwein, Ludwig Museum Schloss Oberhausen
Die Ludwiggalerie im Schloß Oberhausen mag bereits die zweite Präsentationsstätte von Gottfried Helnweins Ausstellung "Beautiful Children" sein, doch sie ist erste Wahl, was die Präsentation betrifft. In den großen Räumen verteilen sich rund drei Dutzend Werke, darunter eine kleine Auswahl von "Klassikern" der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als der Wiener Maler mit seinen typisch deformierten oder verbundenen Gesichtern bekannt wurde, und Reprisen älterer Schlüsselwerke wie etwa die in ihrer Brutalität berückend originalgetreue Micky Maus ("Midnight Mickey"), die hier in einer Version aus dem Jahr 2001 vertreten ist. Doch das sind Bilder, die längst in die popkulturelle Walhalla eingegangen sind. Deshalb ist es erfreulich, daß diese erste größere deutsche Einzelausstellung seit vielen Jahren den Schwerpunkt eindeutig auf neue Projekte legt: auf "The Golden Age" etwa, wo der Popstar Marilyn Manson in wechselnden Masken das Modell für Helnweins Kamera abgibt
Modern Sleep 3
photograph, 2004
Die Ludwiggalerie im Schloß Oberhausen mag bereits die zweite Präsentationsstätte von Gottfried Helnweins Ausstellung "Beautiful Children" sein, doch sie ist erste Wahl, was die Präsentation betrifft. In den großen Räumen verteilen sich rund drei Dutzend Werke, darunter eine kleine Auswahl von "Klassikern" der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als der Wiener Maler mit seinen typisch deformierten oder verbundenen Gesichtern bekannt wurde, und Reprisen älterer Schlüsselwerke wie etwa die in ihrer Brutalität berückend originalgetreue Micky Maus ("Midnight Mickey"), die hier in einer Version aus dem Jahr 2001 vertreten ist.
Doch das sind Bilder, die längst in die popkulturelle Walhalla eingegangen sind. Deshalb ist es erfreulich, daß diese erste größere deutsche Einzelausstellung seit vielen Jahren den Schwerpunkt eindeutig auf neue Projekte legt: auf "The Golden Age" etwa, wo der Popstar Marilyn Manson in wechselnden Masken das Modell für Helnweins Kamera abgibt, oder auf die Serie "Irische Landschaften", die, im extremen Querformat auf richtersche Art gemalt, dem gegenwärtigen Wohnsitz des Künstlers Reverenz erweist - mittels elegischer schafreicher, aber menschenleerer Panoramen. Hier ist einmal übermäßig offensichtlich, was Gerhard Richter als bestimmenden Einfluß auf seine eigenen Bilder stets behauptet hat: das Vorbild der Romantik. Unverborgen ausgestellt hat es aber leider nicht mehr zu bieten als höchste handwerkliche Perfektion.
Immerhin, könnte man nun sagen. Aber eine weitere neue Serie, "Modern Sleep" (unsere Abbildung), schreibt die spezifisch Helnweinsche Ästhetik fort, ohne Anleihen bei der Kunstgeschichte oder Zeitgenossen zu nehmen. Darüber hinaus wird sie dem Titel der Schau gerecht. Von jeher hat die Verwundbarkeit von Kindern im Mittelpunkt von Helnweins Schaffen gestanden. In seinem neuen, 2003 begonnenen Zyklus kommt die digitale Fotografie zu ihrem Recht, die den Aufnahmen liegender uniformierter Mädchen eine neue Qualität der Kälte verleiht. Weiß geschminkt, eine Träne im Augenwinkel und stieren Blicks starren diese Protagonistinnen eines zeitgemäßen Schlafs ins Nichts, und wie selten gelingt Helnwein dabei der Spagat zwischen Intimität und Überwältigung.
Helmweins Körperbilder haben immer Unterwerfung und Eigensinnigkeit miteinander verbinden können, ganz autonom aber sind in seinem Werk nur die Comicfiguren - als Angehörige einer anderen Welt. Die Kinder aber sollen für ihn etwas Größeres sein. In Los Angeles hat er deshalb vor zwei Jahren achtzehn Meter breite Vergrößerungen seiner "Modern Sleep"-Motive gezeigt. In Oberhausen messen sie immer noch überlebensgroße drei Meter. Auch Helnwein selbst wird sich nie wünschen, lieber etwas Kleineres zu sein.
Bis 3. Oktober. Der Katalog kostet 24,50 Euro.
Text: F.A.Z., 14.09.2005, Nr. 214 / Seite 38




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