20. September 2008
MADONNA Magazin
Wien
Christoph Hirschmann
Chefredaktion Ressortleiter Kultur
Fabrik-Helnwein
Fabrik Helnwein
Interview mit Gottfried Helnwein
Helnwein: "Ich bin trotz allem gerne in Los Angeles, muss ich sagen. Ich geniesse es, wenn ich früh in der Morgensonne durch die ausgestorbenen Strassen Downtowns ins Atelier gehe, vorbei all den Graffiti-Kunstwerken an den Fassaden der heruntergekommenen Industriebauten und dem Abfall auf der Strasse. Bis Mittag lebe ich in einer Ghost-Town, da hier vorher kaum einer auf ist. Es ist ein bisschen wie in einem Film. Es hat was von "Blade-Runner", der ja auch hier gedreht wurde. Verfall hat seine eigene Faszination und Ästhetik".
Er ist Österreichs weltweit erfolgreichster Maler. Er lebt in Los Angeles und bewohnt mit seiner Grossfamilie ein irisches Schloss. Seine Familie stammt aus Niederüsterreich. Er wohnte in Wien Favoriten und "begegnete" dort Donald Duck (der ihn nie mehr in seinem Leben ganz verlassen hat).
Wir trafen ihn anlässlich seines 60. Geburtstags zum grossen Interview.
In the Irish studio
2008
M: Wird es in absehbarer Zeit hier wieder einmal eine Helnwein-Ausstellung geben?
 
 
Helnwein:
Die letzte Ausstellung in Österreich fand 2006 im Lentos Museum in Linz statt. Es scheint den Leuten gefallen zu haben, denn der Andrang war sehr gross und das Museum hatte sogar einen Besucherrekord.
Ich lebe ja seit über 20 Jahren nicht mehr in Österreich und war mir gar nicht sicher, ob sich noch jemand an mich erinnern würde. In Prag wurde soeben eine grosse Retrospektive meiner Arbeiten im Rudolfinum beendet und im Moment arbeite ich für Austellungen in NewYork und San Francisco und an einer Oper für israel zum 100 jährigen Jubeläum von Tel Aviv. Ich bin also beschäftigt.
Aber eine Retrospektive in Wien zu meinen Lebzeiten wäre sicher auch keine schlechte Idee, denn kaum einer weiss hier was ich die letzten 30 Jahre gemacht habe.
M: Ihre Familie kommt ja aus Niederösterreich ...
 
Helnwein: Ja, auf dem Bauernhof meines Grossvaters habe ich auch meine einzigen schönen Kindheitserinnerungen. Es war die lichte Gegenwelt zu dem dunklen, bedrückenden und grantigen Nachkriegs-Wien.
Niederösterreich hat sich seit meinen Kindheitstagen aber unglaublich verändert. Dank Erwin Pröll ist Niederösterreich, das immer ein armes Agrarland im Schatten Wiens war, im 21 Jahrhundert angekommen. Und was Pröll für die Kultur gemacht hat, ist aussergewöhnlich: er hat mehrere neue Museen gegründet unter anderem für Rainer, Nitsch, Frohner, Krenek und Deix, und er hat mit Grafenegg die erste ernsthafte Konkurrenz für die Salzburger Festspiele geschaffen. N.Ö. ist kein weisser Fleck mehr auf der kulturellen Landkarte Europas.
M: Gibt es schon konkrete Ausstellungspläne?
Helnwein: Für Wien derzeit nicht, aber Projekte für den Rest der Welt werden mich für die nächsten Jahre beschäftigt halten. Das interesse an meiner Arbeit aus allen Teilen der Welt, vor allem von Jugendlichen überrascht mich immer wieder. 2004 hat das San Francisco Fine Arts Museum eine Retrospektive meiner Arbeiten mit dem Title "The Child" gezeigt. Die Ausstellung wurde von 130,000 Besuchern gesehen und der San Francisco Chronicle bezeichnete sie als die wichtigste show eines zeitgenössischen Künstlers in diesem Jahr.
M: Auch Ihre Tochter Mercedes hat in letzter zeit auf sich aufmerksam gemacht. Sie ist ebenfalls Künstlerin und auch Buchautorin. Ihr Roman „The Potential Hazards of Hester Day“ ist sehr erfolgreich. Beraten Sie sie in kreativen Dingen?
Helnwein: Mercedes hat seit ihrer Kindheit immer gezeichnet, geschrieben und gelesen. Ich finde, sie ist eine sehr gute und eigenwillige Schriftstellerin. Ihr erster Roman ist bei Simon und Schuster in New York erschienen, und es haben sich schon mehrere Interessenten gemeldet, die die Geschichte vefilmen wollen. Beraten habe ich Mercedes eigentlich kaum, aber ich denke, das Umfeld in dem sie aufgewachsen ist, war möglicherweise inspirierend, denn auch meine anderen Kinder sind allesamt Künstler geworden.
M: Sie ist aber auch als Malerin und Zeichnerin tätig ...
Helnwein: Sie hat gerade eine Ausstellung in Los Angeles in der sie auch ihre neuen Videos zeigt, zu der ihr Bruder Ali die Musik komponiert hat.
Meine Kinder waren eigentlich immer ein nur Quell der nie versiegender Freude, das einzige in meinem Leben, das nie mit Stress verbunden war. Wir leben ja eigentlich wie ein Süditalienischer Familien-Clan, obwohl die Kinder mittlerweile Erwachsen sind, leben wir immer noch zusammen - mit allen Schwiegertöchtern und -Söhnen, Freunden und Freundinen, die erstaunlicherweise auch alle irgendwelche Künste ausüben. Gottseidank ist meine Frau nicht Künstlerisch tätig, sodass es wenigstens ein stabiliesierende Zentrum in diesem Zirkus gibt.
M: Sie selbst haben auch als Opernregisseur in Los Angeles Triumphe gefeiert. Wollen Sie auch in Wien Oper machen?
Helnwein: Prinzipiell wäre das nicht uninteressant. Aber ich habe muss mich da sehr beschränken, weil Oper einfach zu zeitraubend ist. Ich habe beim "Rosenkavalier" in L.A. Bühnenbild, Videos, Licht und mehr als zweihundert Kostüme entworfen. Dadurch hab' ich praktisch ein halbes Jahr verloren. Und ein halbes Jahr nicht malen zu können, kann mir einfach nicht leisten.
Derzeit arbeite ich aber doch wieder an einem Opernprojekt: "The Child Dreams" nach einem Theaterstück des wichtigsten Israelischen Dramatikers Hanoch Levin. Der Stoff hat mich zutiefst erschüttert, denn noch nie war ein Text so nah an meiner eigenen Arbeit. Es ist als hätte er ein Stück über meine Bilder gemacht. Ich bin mit Johann Kresnik im Gespräch, den ich unbedingt als Choreographen dafür will. Im letzten Akt sollen hunderte israelische und palestinensische Kindern, an dünnen Seilen hängend, den Bühnenraum füllen.
M: Wie viele Bilder malen sie im Jahr?
Helnwein: Zu wenig. Ich habe mehr Ideen als ich umsetzen kann, da nur ich selbst an meinen Bildern arbeite. Manchmal denke ich, es wäre besser wie Warhol. Hirst oder Koons mit einer Heerschar an Assistenten nach dem Werkstatt-Fliessband Verfahren zu arbeiten. Wenn ich zu Recherchezwecken reise, was sehr oft der Fall ist, dann stehen meine Ateliers still.
M: Wieviele Ateliers besitzen Sie?
 
Helnwein: Ich hab' praktisch alles doppelt. Ein Atelier in Los Angeles und eines in Irland. Wenn ich nach Amerika komme, steht alles für die Arbeit bereit. Und wenn ich nach Irland komme, ebenfalls. Dann tritt auch oft der Fall ein, dass ich die Bilder halbfertig von Irland nach Amerika transportiere oder umgekehrt. Und dann wird weitergemalt. Das ist zwar etwas aufwändig und umständlich, aber ich will darauf nicht verzichten.
M: Die beiden Wohnsitze könnten verschiedener nicht sein. In Irland leben Sie in einem Schloss ...
Helnwein: Schlösser sind ungeheuer praktisch wenn man einen so grossen Haufen Kinder, Gäste und Bilder unterbringen muss.
Österreich:  ... mit allem, was dazugehört. Riesigen Bäumen die viele hundert Jahre alt sind.
Helnwein: Irland ist für mich unglaublich wichtig, weil es ein Ruhepunkt ist. Irland ist die Chance, Los Angeles und den Rest der Welt aushalten zu können. Den Irrsinn da drüben, die Dekadenz, den Untergang. Von Zeit zu Zeit brauche ich dieses Land, wo alles grün ist, die Luft so ist, dass man sie noch atmen kann, und die Menschen noch nicht alle wahnsinnig sind.
Österreich: Nun ist aber Irland längst nicht mehr so idyllisch wie noch vor ein paar Jahrzehnten.
Helnwein: Irland war noch vor zwanzig, dreißig Jahren eines der ärmsten Länder Europas. Inzwischen erleben sie den "Celtic Tiger" einen Wirtschaftsboom, der geradezu schwindelerregend ist.
Zum Glück verkraften die Iren diese Entwicklung bis jetzt ganz gut und haben deshalb ihre Seele noch nicht verloren. Un ich merke, dass sich die meisten Leuten dieser Gefahr durchaus bewusst sind. Zumindest in der Provinz - in South East, wo ich lebe - da ist der alte Spirit noch intakt.
M: Und in Dublin?
Helnwein: Da würde ich nicht leben wollen. Dublin ist eine laute Stadt geworden. Nicht uninteressant, eine sehr junge Stadt. Aber mir ist es zu hektisch geworden, Lärm und schlechte Luft habe ich in schon in L.A.
Die ganze West Coast ist überrannt von Deutschen und Amerikanern. Das muss ich auch nicht haben. Die Gegend in der ich lebe hat die meiste Sonne und es gibt keine Touristen. Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich nur Wiesen, Wälder, Schafe und Pferde. Hier hat sich seit dem 19ten Jahrhundert kaum etwas verändert.
M: Und an Los Angeles schätzen Sie das Gegenteil? Den Wahnsinn der Mega-Metropole?
Helnwein: Seit meiner Begegnung mit Donald Duck in meinen frühen Kindheitstagen, hat es mich nach Amerika gezogen. Aber es ist wahrscheinlich ein Amerika der Vergangenheit, dem ich nachhänge, von dem nicht mehr so viel geblieben ist. Diese Liebe teile ich übrigens mit meiner Tochter Mercedes, die eine grosse Expertin Für den Blues und amerikanische Literatur ist. Vor allem diese sogenannte Trivialkultur hat doch eine grosse Faszination auf unsere Generation ausgeübt. Comics und der amerikanische Film haben uns alle irgendwie beeinflusst und geprägt.
M: Sie sprachen aber auch von der amerikanischen "Dekadenz" ...
Helnwein: ...und vom Untergang. In Los Angeles sieht man am deutlichsten, wie die westliche Zivilisation zerfällt. Man hat den Eindruck, man beobachtet den zweiten Fall Roms - in Zeitlupe und in CinemaScope.
Österreich: Was meinen Sie mit „Dekadenz“?
Helnwein: Dekadenz bedeutet, dass eine Gesellschaft ihre Werte, ihre Ideale, ihre Traditionen verliert. Es ist der Triumpf einer kapitalistisch-materialistischen Raubgesellschaft in der es keine anderen Werte mehr gibt, als den finanziellen Profit. Pasolini hat dieses Phänomen schon sehr früh vorausgesehen und vor diesem kommenden "Konsum-Faschismus" gewarnt.
Für die amerikanische Kriegsmaschinerie müssen jährlich mittlerweile ca 500 Milliarden $ aufgebracht werden, und nur der Irak-Krieg alleine wird die Amerikaner 2-3 Trilliarden kosten. Von den Halbwüchsigen, die in diese sinnlosen Schlachten geschickt werden, sterben mittlerweile mehr durch Selbstmord als durch irgendwelche Kampfhandlungen. Für Schulen und Ausbildung werden kaum mehr Mittel zur Verfügung gestellt, das Bildungsniveau ist vielfach unter den Standard der dritten Welt gesunken. Zig-millionen Amerikaner sind miitlerweile abhängig von einer Unzahl illegaler und legaler Psycho-Drogen, die den Markt überschwemmen, und das Leben erträglich erscheinen lassen sollen. Kinder nehmen Maschinenpistolen und mähen andere Kinder nieder, bevor sie sich selbst umbringen, nur um wenigstens posthum für 15 Minuten berühmt zu sein.
Ich denke, das kann man getrost als dekadent bezeichnen.
M: Könnte jemand wie Obama den Karren überhaupt noch herumreißen?
Helnwein: Viele Leute klammern sich an die Idee, dass Obama der neue JFK ist, der alles herumreissen kann. Allerdings werden die politischen Programme bei Wahlkämpfen vor allem für die Medien gemacht, und sind ziemlich austauschbar, nichtssagend und substanzlos. Das Wort "Change' haben beide Kandidaten oft im Mund.
M: Wer wird gewinnen? McCain oder Obama?
Helnwein: Obama hat gute Chancen ... Aber die großen Entscheidungen werden ohnehin längst nicht mehr von gewählten Politikern getroffen. Das ist alles nur Demokratie- und Medienetheater. In Wahrheit werden alle wichtigen Entscheidungen von den großen Konzernen getroffen, die Eisenhower in seiner Abschiedsrede als "militärisch-industriellen Komplex" bezeichnet hat. Und der braucht, um weiter wachsen zu können, immer neue Kriege.
M: Wie sind Sie mit Ihrem Gouverneur Arnold Schwarzenegger zufrieden?
Helnwein: Arnold ist in der amerikanischen Politik eine Ausnahme. Er ist integer. und nicht bestechlich. Und ich glaube er ist wirklich mit der Überzeugung angetreten, man könne die Dinge in Kalifornien zum Besseren wenden. Er sieht nicht nur aus wie Herakles, sondern er übernimmt auch gerne unlösbare Aufgaben, wie jener. Ob er aber den Kalifornischen Stall ausmisten kann, ist die Frage. Dagegen ist der Augias-Stall der alten Antike ein Kinderspiel gewesen.
M: Wird er einmal US-Präsident werden?
Helnwein: Wenn er die kleine Hürde der Verfassungsänderung nimmt, kann ich mir nicht vorstellen, wer ihn aufhalten sollte. Zusammen mit seiner Frau Maria räumt er die ganze politische Mitte ab. Wie wichtig Frauen in jeder zukünftigen Wahlstrategie sein werden, sieht man ja an Hallary Clinton und Sarah Palin. Maria Shriver gilt als emanzipierte und selbstständige Frau, als überzeugte und kämpferische Linke, und als Mitglied der Kennedy-Familie bringt sie etwas von dem Charisma und Abglanz des alten Camelot-Mythos mit ein.
Österreich: Was schätzen Sie persönlich am Leben in Amerika?
Helnwein: Ich bin trotz allem gerne da, muss ich sagen. Ich geniesse es, wenn ich früh in der Morgensonne durch die ausgestorbenen Strassen Downtowns ins Atelier gehe, vorbei all den Graffiti-Kunstwerken an den Fassaden der heruntergekommenen Industriebauten und dem Abfall auf der Strasse. Bis Mittag lebe ich in einer Ghost-Town, da hier vorher kaum einer auf ist. Es ist ein bisschen wie in einem Film. Es hat was von "Blade-Runner", der ja auch hier gedreht wurde.
Verfall hat seine eigene Faszination und Ästhetik.
Österreich: Was geht Ihnen in Amerika ab?
Helnwein: Am meisten vermisse ich es, mit Freunden so richtig ordinär Wienerisch reden zu können. Denn ich komme aus Favoriten, wo das Wienerische auf dem höchsten Level kultiviert wurde. Das Wienerisch, das die Hackler und die Künstler, die Pülcher und die Strizzis sprechen. Ich glaube in keiner anderen Sprache kann man sich so kreativ und nuanciert artikulieren.
Österreich: Wo wohnen Sie in Los Angeles?
Helnwein: In Downtown. Ein paar Strassenzüge entfernt von der 5th Street, wo die Obdachlosen auf der Straße herumliegen. Wo Künstler und Freaks in ehemaligen Factories wohnen, die zu Ateliers und Lofts umgebaut sind. Wo die Oper ist und die Disney Concert Hall. Und der Finanzdistrikt. Neben China-Town und Little Tokyo. Dieser Ort gefällt mir am besten. Dort ist es am chaotischsten.
M: Was lieben Sie am Chaos?

Helnwein:
In Los Angeles leben ca. 145 verschiedene ethnische Gruppen nebeneinander, es gibt etwa 200 Sprachen und wahrscheinlich 1.000 Religionsgemeinschaften, von der "Church of Satan" zu den "Black Moslems" bis zu "Chassidischen Juden", die Pelzräder auf dem Kopfe tragen, wie ihre Gallizischen Vorväter und am Sabbat mit ihren Kindern an der Hand unter Californischen Palmen spazieren gehen.
Es gibt ganze Strassenzüge, wo tausende Obdachlose herumliegen und es gibt Vierteln wo nur Millionäre wohnen, wo jeder durchtrainiert und geliftet ist und wo Töchter von Ihren Müttern zum Geburtstag große Titten geschenkt bekommen. Und dann gibt es wieder Bezirke, wo keiner Englisch spricht. Wo Mexikaner mit Sombreros auf der Straße herumhängen und Mariachi Musik spielen.
Es gibt kein Stadtzentrum und alles wuchert unkontrollierbar in alle Richtungen. Los Angeles ist wie eine offene Wunde, die nicht verbunden wird. Es ist aber auch ein Ort der friedlichen Anarchie. Es gibt hier eine Art zufälliger Toleranz, die nicht aus irgendwelchen ethischen oder aufklärerischen Motiven stammt, sondern einfach von dem Umstand that "nobody cares", "nobody gives a shit".
Und das gibt einem ein eigenartiges Gefühl von Freiheit.
Studio Ireland
2007
Studio Los Angeles
2008
Los Angeles
2003
Gottfried Helnwein and his daughter Mercedes
2007
Croí and Daisy helping in the studio
2007
Face it
2006
Ireland
1997
Helnwein at the Gap of Dunlou in Killarney, C.o. Kerry
2007




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