1. März 2012
Playboy
Stefan Skiera
Ich bin gläubiger Donaldist
Interview mit Gottfried Helnwein
Helnwein: Schmerz und Gewalt gegen Wehrlose sind die zentralen Themen meiner Arbeit. In den Siebzigern haben meine Bilder und Aktionen Entsetzen hervorgerufen, weil man dachte, ich sei pervers. Der Missbrauch von Kindern wurde damals von der Gesellschaft und den Medien vollkommen verschwiegen. Mittlerweile ist einiges von diesem systematischen Terror gegen Kinder ans Licht gekommen. Sie wurden in der Psychiatrie gefesselt und in dunkle Räume gesperrt und Bettnässer mit Elektroschocks behandelt. Die österreichische Psychiaterin Maria Nowak-Vogl hat Kinder absichtlich mit Malaria infiziert und in ihrem "Kreuzzug gegen Onanie" Röntgenstrahlen, Psychopharmaka und Tiermedikamente bei kleinen Mädchen eingesetzt.
Helnwein with 'Murmur of the Innocents'
2012
Playboy: Herr Helnwein, womit sind Sie gerade beschäftigt?
Helnwein: Ich habe vor kurzem mit Skulpturen angefangen und arbeite im Moment an einem großen verwundeten Kinderkopf.
Playboy: Wie lautet die Message?
Helnwein: Ich will den Missbrauch von Minderjährigen ins Bewusstsein rücken. Schmerz und Gewalt gegen Wehrlose sind die zentralen Themen meiner Arbeit.
In den Siebzigern haben meine Bilder und Aktionen Entsetzen hervorgerufen, weil man dachte, ich sei pervers. Der Missbrauch von Kindern wurde damals von der Gesellschaft und den Medien vollkommen verschwiegen.
Mittlerweile ist einiges von diesem systematischen Terror gegen Kinder ans Licht gekommen. Sie wurden in der Psychiatrie gefesselt und in dunkle Räume gesperrt und Bettnässer mit Elektroschocks behandelt. Die österreichische Psychiaterin Maria Nowak-Vogl hat Kinder absichtlich mit Malaria infiziert und in ihrem "Kreuzzug gegen Onanie" Röntgenstrahlen, Psychopharmaka und Tiermedikamente bei kleinen Mädchen eingesetzt. Im österreichischen Kinderheim Wilhelminenberg gab es Serienvergewaltigungen und Kinderprostitution.
Playboy: Waren Sie als Kind selbst Opfer von Gewalt?
Helnwein: Nein, der Musiklehrer hat mir fürs Falschsingen eine Ohrfeige gegeben, aber das war mir wurscht. Was mich gestört hat, war die Stumpfheit und Beschränktheit der Erwachsenenwelt. Schule, Kirche und Gesellschaft – das war mir alles zu autoritär. Ich wollte mehr Freiheit. Aber damals wurde alles abgewürgt.
Playboy: War die sexuelle Moral ebenfalls zu streng?
Helnwein: Als ich Fünf war habe ich auf dem Bauernhof meines Großvaters mit der Nachbarstochter Doktor gespielt. Meine Eltern fanden das heraus und bekamen einen Nervenzusammenbruch. Ich musste so schnell wie möglich zur Frühkommunion, denn die Vorstellung ich könnte mit dieser Sünde vorzeitig sterben, und ohne Beichte und Kommunion in die Hölle kommen, war für sie unerträglich.
Playboy: Wie stehen Sie heute zu Ihrem Geburtsland?
Helnwein: Ich kann nur für Wien sprechen, von der Alpenregion weiss ich nicht so viel. Die Hauptstadt hat sich jedenfalls seit dem Fall des Eisernen Vorhangs stark verändert. Sie ist weltoffen, modern und experimentierfreudig. Und die Menschen sehen nicht mehr aus als würden sie gerade aus einem Luftschutzbunker kommen, so wie in meiner Kindheit.
Ich denke es ist ein guter Zeitpunkt für meine Retrospektive in der Wiener Albertina 2013.
Playboy: Denken Sie an eine Rückkehr nach Österreich?
Helnwein: Im Moment fühle ich mich in Irland sehr wohl und seit 2004 bin ich ja irischer Staatsbürger. Eigentlich wollte ich auch die österreichische Staatsbürgerschaft behalten, aber durch einen bürokratischen Fehler habe ich sie leider verloren.
Playboy: Und jetzt?
Helnwein:. Ich bin ein österreichischer Künstler – und von diesem Land geprägt. Ich will die Staatsbürgerschaft auf jeden Fall zurück. Dazu muss ich jetzt allerdings paar bürokratische Hürden überwinden und zB. polizeiliche Leumundszeugnisse aus allen Ländern erbringen, in denen ich seither gelebt habe.
Playboy: Was macht sie denn zu einem echten Österreicher?
Helnwein: Meine künstlerischen Wurzeln.
Ich bin aufgewachsen mit den Bildern der katholischen Kirche, den blutüberströmten, gegeisselten und von Pfeilen durchbohrten Märtyrern, heiligen Wundmalen und Leichnamen. Die Bilderflut der Gegenreformation wo göttlicher Triumph und Leid und Tod gleichberechtigt nebeneinander existieren, haben mich geprägt.
Gottseidank ist dann irgendwann auch Donald Duck in mein junges Leben getreten und hat mir einen neuen Sinn vermittelt.
Playboy: Wieso gerade die Comicfigur?
Donald ist für mich die Ahnung einer besseren Welt.
Playboy: Wie lebt es sich mit der Sehnsucht nach einer heilen Welt in Downtown Los Angeles?
Helnwein: Die Stadt ist wie eine offene Wunde, die niemand verbindet. Es herrscht urbane Dekadenz, aber die kann auch Kräfte freisetzen. Das amerikanische Empire bricht gerade zusammen, doch es gibt eine Menge von der Energie, die mich schon früh in den Comics und in der US-Kunst fasziniert hat.
Playboy: Wie viel Zeit verbringen Sie in Ihrer zweiten Wahlheimat Irland?
Helnwein: Sechs Monate im Jahr, immer um dem Sommer herum. Irland ist ein Ort der Ruhe. Mit einer arkadischen Umgebung. Hier habe ich angefangen, Landschaften zu malen. Aber ich brauche den Gegensatz. Deshalb ziehe ich mit meiner Familie wie eine Zigeunertruppe zwischen L.A. und Irland hin und her.
Playboy: Irland ist sehr katholisch. Wie stehen Sie heute zur Kirche?
Helnwein: Ich bin bekennender und tiefgläubiger Donaldist. Donald ist mein Herr, mein Erlöser und mein Heiland. Wenn ich dereinst das Zeitliche gesegnet habe, will ich im himmlischen Geldspeicher zur Rechten Onkel Dagoberts in dessen Talern wühlen können - in alle Ewigkeit..




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