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15. August 2003
Frankfurter Rundschau
Feuilleton
Stefan Tolksdorf
Sozialdoku-und-Popikone
Sozialdoku und Popikone
Auf der Suche nach dem Individuum: Der diesjährige Stuttgarter Fotosommer präsentiert Portraitfotografie aus der DG- Bank
Wie authentisch kann, wie inszenatorisch muss Portraitfotografie sein? Und was sagt sie über die Person aus, die hinter dem Objektiv steht? Für Andy Warhol war die Kamera gleichermaßen Medium der Kontaktaufnahme und der Distanzierung. Sein gesamtes Oeuvre zehrt von dieser fotografischen Ambivalenz. Eine Darstellung des Pop-Art-Künstlers zählt zur Serie der großen Charakterköpfe, die der Wiener Gottfried Helnwein ganz für sich sprechen lässt - während gegenüber davon die Fotos von Jochen Gertz nicht ohne ihren Begleittext auskommen.

Ob sie überhaupt zur Kunst zählt, diese Frage ist in der öffentlichen Diskussion zum Thema Fotografie gänzlich verstummt, spätestens seit die großformatigen Fotos von Andreas Gursky, Thomas Ruff oder Cindy Sherman auf dem Kunstmarkt Rekordpreise erzielen. Fotografie ist die Kunst des sprechenden Ausschnitts, des inszenierten Stills und des intensivierten Blicks. Tatsächlich hat es heute ein Foto schwerer als jedes Gemälde, sich gegen den medialen Bilderstrom zu stemmen. Es sind wohl gerade die Strategien der Abgrenzung, das oft winzige Abweichen vom Gewohnten, aus dem sich ihr Kunstcharakter speist.

Wie sehr das Kameraauge imstande ist, Wirklichkeit neu zu generieren, den Blick auf die Welt dokumentierend, poetisierend und erzählend zu vertiefen, um mit erheblichem Raffinement stets auch das Medium selbst zum Thema zu machen, ist jetzt einmal mehr beim Stuttgarter Fotosommer zu sehen. Glanzpunkt der Veranstaltungsreihe, an der insgesamt fünfzehn Galerien und Institutionen teilnehmen, ist die voluminöse Ausstellung in der Städtischen Galerie mit Meisterwerken aus der Fotosammlung der Deutschen Genossenschaftsbank, eine der besten Europas. Von der postmodernen Ästhetik des Verschwindens bis zur theatralischen Überinszenierung reicht das fotografische Spektrum von "Face to Face", von der Sozialdokumentation bis zur Pop-Ikone.

In den Serien der Amerikaner Tracy Moffatt und Matthew Barney tauchen die Protagonisten in seltsamen Trash-Szenen ab, wie im Malstrom von David Lynchs Filmplots. Ihre Geschichten, die filmischen Mustern folgen, entstehen vornehmlich in den Köpfen des Betrachters, wobei die vorgegebene Chronologie ebenso wenig verlässlich ist, wie die Rollenzuweisung von Täter und Opfer.
"Wer ist Patty Hearst?" Diese Frage ließ Daniel Adams während der achtziger Jahre nicht los. Er ging ihr in Fotoserien nach und identifizierte die von militanten Linken entführte, schließlich selbst zur Terroristin mutierte Millionenerbin als All-American-Girl: Gallionsfigur einer schizoiden Gesellschaft zwischen Angst und Erlösungswahn.
Auch Cindy Sherman geht es in ihren theatralischen Camouflagen nicht um Identität, ebenso wenig wie es Thomas Ruff mit seinen unterkühlten Frontalportraits darum geht. Beide Künstler stellen den Informationswert des Personenbildes radikal in Frage, reflektieren vielmehr auf die Erwartungen des Betrachters. Deklariert Sherman das Portrait zum kollektiven Phantasma und Mittel zumeist tragischer weiblicher Rollenprosa, bleibt es für Katharina Sieverding Medium radikaler Selbsterforschung. Auf der die Suche nach den letzten Tiefen der Persona landet die Beuys-Schülerin beim verfremdeten Röntgenbild.
Das Besondere geht im Allgemeinen auf, nicht nur in Andreas Gurskys Hochglanzfotos ameisenhaft wimmelnder Berufswelten, sondern selbst dort, wo das vereinzelte Individuum ins Zentrum des dokumentarischen Blickes rückt. So ist die finnischen Bäuerin von Esko Männikkö, deren Kopf ein Wandteppich wie eine Aureole umgibt, zugleich ein Archetyp der weisen Alten.
Andy Warhol
silver print, 1983, 99 x 66 cm / 38 x 25''
Am gelungensten erscheinen tatsächlich jene Bilder, die nüchterne Bestandsaufnahmen mit kühler Poesie verbinden, wie Beat Streulis intime Shortcuts aus dem US-Alltag und Nobuyoshi Arakis vitale Kindergesichter, die sich gegen die japanische Vorstadttristesse antreten. Doch ist ein größerer Kontrast kaum denkbar als der zwischen Richard Avedons Schwarzweiß-Foto eines verrußten lateinamerikanischen Ölarbeiters und Floria Sigismondis mysteriösem Selbstportrait als Feen-Diva mit enthaarter Katze. Hier radikaler Verismus mit sozialkritischem Impetus, dort surreale Selbststilisierung zum lebenden Gemälde. Zwei denkbar disparate Positionen des Portraits, zwei Individuen, gleich weit entfernt vom Verschwinden.
Galerie der Stadt Stuttgart, Schlossplatz 2, bis 5. Oktober.




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