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1. Oktober 2005
Ludwig Museum Schloss Oberhausen
Rezension zur Ausstellung von Gottfried Helnwein, "Beautiful Children"
Gabriele Oberreuter
Ungewohntes Ausstellungserlebnis: Gottfried Helnwein in Oberhausen.
Anmerkungen zu seinen Darstellungen von Kindern.
Ästhetische Maßstäbe von Schönheit werden hier irrelevant, ich werde als Betrachter unmittelbar und heftig berührt: es geht um Gewalt, Verletzungen, Schmerzen, Blindheit, Tod oder todesähnliche Zustände, um Irritation, Verzweiflung, Opfer, Opferung, Mißbrauch, Deformation. Kategorien von Empathie und Lebensbezüglichkeit sind über den Kunstwerkcharakter hinweg deutlich angesprochen. Wir begegnen großformatigen, häufig monumentalen Arbeiten, vor allem Kinder und Erwachsene darstellend, isoliert und in Gruppen, Portraits und Inszenierungen. Zum verbindenden Faktor wird der Ausdruck, der wohl keinen Besucher unbeteiligt läßt: es überwiegt neben todesnaher Stille eine rohe, stumme Gequältheit, ein Erstarren in extremer körperlicher Deformation, Apathie und Tod. Ignorante Täter werden vorgeführt - analog zu verbreiteten christlichen Andachtsbildern schlüpfen sie in 'ehrenwerte' Rollen.
Epiphany III (Presentation at the Temple)
mixed media (oil and acrylic on canvas), 1998, Albertina Museum, Vienna
"Gottfried Helnwein - Beautiful children", so firmiert eine Ausstellung in der Oberhausener Ludwig Galerie ( bis 2.10.2005). Der Titel ist die erste Irritation - man könnte präziser sagen: es waren einmal ursprünglich schöne Kinder. Zu schönen Kindern haben sich diese Wesen nicht entfalten dürfen, gewaltsame Kräfte stören ihre Entwicklung.
Ästhetische Maßstäbe von Schönheit werden hier irrelevant, ich werde als Betrachter unmittelbar und heftig berührt: es geht um Gewalt, Verletzungen, Schmerzen, Blindheit, Tod oder todesähnliche Zustände, um Irritation, Verzweiflung, Opfer, Opferung, Mißbrauch, Deformation. Kategorien von Empathie und Lebensbezüglichkeit sind über den Kunstwerkcharakter hinweg deutlich angesprochen.
Wir begegnen großformatigen, häufig monumentalen Arbeiten, vor allem Kinder und Erwachsene darstellend, isoliert und in Gruppen, Portraits und Inszenierungen. Zum verbindenden Faktor wird der Ausdruck, der wohl keinen Besucher unbeteiligt läßt: es überwiegt neben todesnaher Stille eine rohe, stumme Gequältheit, ein Erstarren in extremer körperlicher Deformation, Apathie und Tod. Ignorante Täter werden vorgeführt - analog zu verbreiteten christlichen Andachtsbildern schlüpfen sie in 'ehrenwerte' Rollen.
Bei einigen Gruppenbildern sind die Gesichter von Männern mit Klebeband zu grotesken Fratzen verzerrt, so als zeige die menschliche Physis allein zu wenig von der Fähigkeit des Menschen zur Bestialität.
Neben der Begegnung mit "Täterprofilen" sind es die Ohnmacht und Wehrlosigkeit von Opfern, die in einer seltenen Wucht bildlich ausgedrückt sind.
Macht Helnwein schon auf kleine Kinder und frühe Verletzungen aufmerksam, so geht er mit der Serie "Sleeping angels" noch einen Schritt weiter: die sanfte Bezeichnung schlafender Engel meint Föten, die nicht zu lebensfähigen Säuglingen reiften. In enormer Nahsicht begegne ich den Köpfen, deren Umgebung nicht näher definiert wird - schaue ich in ein Glas mit präparierten medizinischen Abnormitäten, oder schaue ich quasi fiktiv durch den mütterlichen Leib in den Uterus (Sleeping angel V)?
Der Aspekt von Realitätsbezogenheit bleibt letztlich irrelevant. Helnweins Kunstsprache bezieht ihre Kraft daraus, die Erlebensebene in eine realistisch erscheinende Welt hineinzuprojizieren. Innere und äußere Welt bleiben so verwoben, daß der Betrachter sein eigenes Verständnis entwickeln kann. Sind körperliche Deformationen als solche vorzustellen und vom Künstler so gemeint - oder können sie als Ausdruck seelischer Verkrüppelung verstanden werden? Im Fall der "Sleeping angels" sind die kleinen Lebewesen körperlich nicht unversehrt - Angel Sleeping IV hat eine Veränderung an der Nasen-Mund-Partie. Und generell sieht dieses blasse Wesen mit geschlossenen Augen eher einem alten Menschen ähnlich - die Farbe der Haut erscheint müde, faltig am Hals und Brustbereich. Der Ansatz der Ärmchen, die eng am Körper anliegen, hat etwas Wehrloses und der schräg gelegte, zum Betrachter gewandte große Kopf drückt für mich eine enorme Müdigkeit und Verlorenheit aus. Diesem Zustand scheint einiges vorausgegangen zu sein, was sich zerstörerisch für das junge Leben ausgewirkt hat.
Dagegen erscheint Angel Sleeping V weniger abgekämpft. Der grünliche monumentale Kopf ist von oben gesehen, in Verkürzung kann ich geschlossene Augen, Nase, Mund und Ohren wahrnehmen. Dieser Fötus zeigt keine körperlichen Deformationen - aber eine gewisse Beunruhigung erfaßt mich auch hier: ich begegne der Lebenswelt vor der Geburt, der Zartheit und Verletzlichkeit, den vielen Möglichkeiten, zum Leben nicht weiter reifen zu können. In der Stummheit, Blässe der großformatigen Bilder treffe ich auf den sehr frühen Tod - eine Alltäglichkeit in unserer Gesellschaft, die wir aber den Betroffenen und ihren Begleitern, Hebammen und Ärzten überlassen. In der Öffentlichkeit sind der frühe Verlust eines Kindes - und erst recht eines nicht gesund und vollständig entwicklungsfähigen Kindes kein Thema. Was solche Lebenssituationen jedoch für eine Frau, eine Familie ausmachen, veranschaulicht eindrucksvoll der Film von Katja Baumgarten "Mein kleines Kind" von 1999. Die "Sleeping angels" erinnern mich an diesen Film - Helnwein übernimmt hier die Perspektive des Kindes.
Helnwein polarisiert, seine Arbeiten sind scharfkantig zugespitzte Formulierungen, bei denen ein elegantes Herauswinden oder moralisches 'Kneifen' des Betrachters kaum möglich ist. Das große Bildformat ist dabei nicht außer Acht zu lassen - bei Installationen in Kirchenräumen benutzt Helnwein Formate wie 4.70 : 3.20m oder 6.50:4.00m. In der direkten Betrachtung erleben wir uns körperlich einer Bild-Monumentalität ausgesetzt - wir können nicht ausweichen, "daran vorbeischauen".
Opfer erfahren hier eine spektakuläre Inszenierung und Würdigung. Ihre Ohnmacht und Verlorenheit rührt - wenn wir entsprechende Gefühle in uns anklingen lassen und nicht die eigenen Schmerzen verleugnen. Ich erlebe die Kinder in Helnweins Bildern weniger als real körperlich deformiert. Mir scheint, der Künstler hat nur die Tarnkappen der physischen Hülle abgerissen und unsere "ganz alltägliche" seelische Verstümmelung sichtbar gemacht.
Spontan assoziiere ich, diese gequälten Kinder können nur aus Krisengebieten der Erde stammen, die uns durch die Medien nahegerückt sind, oder in menschenverachtende Zeiten wie die Nazizeit zurückprojiziert sein. Aber so "einfach" ist es nicht, eine solche "Entlastung" verwehrt der Künstler. Was hier zu sehen ist, geht uns alle an, es illustriert den ganz alltäglichen Terror.
Nach den weitgehend gültigen Vorstellungen von Kindererziehung sind wir mit großem Aufwand um "äußerliche Fürsorge" bemüht, den angemessenen hygienischen Schutz des Säuglings nehmen wir sehr ernst - es soll unseren Kindern "an nichts fehlen" ... der Hunger von Kindern in armen Erdteilen rührt uns. Seelischen Dimensionen hingegen wenden wir uns noch keineswegs mit all unserer Anteilnahme und unserem komplexen Wissen zu.
Das geschieht nicht aus nachlässiger Ignoranz, sondern wir vermeiden damit die erforderliche Konfrontation mit eigenen Schmerzen und seelischen Verkümmerungen. Wir haben überwiegend selbst ein trauriges kleines Kind in uns - und geben diese Erfahrung ausgiebig weiter. Ein Aspekt wie "Schuld" steht hier nicht zur Debatte. Es geht nur darum, die Weitergabe endlich zu unterbrechen und das ist allein durch Wahrnehmung und Würdigung eigener früher Verletzungen möglich.
Daß viele ihre Kinder noch immer am liebsten zu fügsamen, braven Wesen formen, erlebe ich Tag für Tag - konkret heißt das: kleine Kinder demütigend abzufertigen, sie "kleinzumachen", über Unfähigkeiten oder Fragen vor Dritten zu lachen, sich ihnen nicht schützend zuzuwenden.
Die große Selbstverständlichkeit, mit der wir Erwachsene Kränkungen von kleinen Kindern miterleben und nicht als gewaltsam einordnen - das ist m. E. das Klima, aus dem Helnweins Kunst herrührt. Sein Verdienst ist es, mit großen Bildern zu reagieren - der kindlichen Ohnmacht mit der Macht der Bilder zu begegnen, sich zu ihrem Anwalt zu machen.
Publikationen, die die psychosoziale Lage hervorragend analysieren gibt es in Fülle - ich empfand Helnweins Arbeiten gleichsam als Illustrationen zu Arno Gruens "Der Verlust des Mitgefühls. Über die Politik der Gleichgültigkeit" (dtv, Mü. 1997). Gruen spricht sehr eindringlich von der Ablehnung der Lebendigkeit und des Eigenlebens der Kinder in der Geschichte unserer Hochkulturen - Kinder allein zu funktionstüchtigen Mitgliedern unserer Gesellschaft zu formen.
Es wachsen die Erkenntnisse um die große Schutzbedürftigkeit des Säuglings, den sensiblen Dialog von Eltern und Kind vor der Geburt, um die Erlebnisse von Verlorenheit, die mit unserem (entwicklungsmäßig) frühen und häufig traumatischen Austritt aus der geschlossenen Welt des Uterus zu tun haben. Aber die Resonanz auf diese für die Entwicklung der Gesellschaft so eminent wichtigen Einsichten bleibt auf kleine Interessentenkreise beschränkt. Wenn sich Sensibilität und Empathie für das vorsprachliche Leben deutlicher, engagierter und differenzierter entwickeln, so wird das Verständnis füreinander wachsen, das familiäre und gesellschaftliche Miteinander von anderen Kategorien als denen der Leistung, des Kampfes, des Sieger-sein-Wollens, der Konsumabhängigkeit und Fremdbestimmtheit geprägt sein. Eine kinderfreundlichere, friedlichere Welt könnte sich entfalten.
Unsere je individuellen Erinnerungen aus dem vorsprachlichen Raum liegen unter vielen Schleiern verborgen, wir können sie nicht einfach abrufen, wiewohl unser Körper alle Erinnerungen gespeichert hält und gerade die frühesten Prägungen unseren Alltag bestimmen, unseren Umgang und unsere Zuwendung zur Welt. Auch die Hirnforschung bestätigt mittlerweile Zusammenhänge, die denen der Psychologie (wie Otto Rank schon 1924) entsprechen.
Die Kunst bietet uns 'Nicht-Künstlern' oder 'nicht entfalteten Künstlern' die einzigartige Chance, uns selbst, unseren inneren Bildern ein Stück näherzukommen, die auf Eis liegende körperlich-seelische Prägung wahrzunehmen, den Mut zur Konfrontation zu finden - und unsere Kompetenz zur Lebendigkeit zu erfahren.
"Falls Zeiten anbrechen, in denen Erwachsene immer weniger mit ihren Kindern reden, spielen, singen, basteln, tanzen oder musizieren und ihr Interesse an der Entdeckung und Gestaltung der Welt wecken, kann auch ein noch so gutes genetisches Programm nicht dafür sorgen, daß die für diese Fähigkeiten erforderlichen Verschaltungen im Gehirn dieser Kinder herausgeformt, gebahnt und gefestigt werden. Und Kinder, die all das und noch vieles andere während ihrer Kindheit nicht erfahren und in ihrem Hirn verankern konnten, werden als Erwachsene kaum in der Lage sein, diese Fähigkeiten und Fertigkeiten an ihre Kinder weiterzugeben." (Gerald Huether im Vorwort zu "Kinder brauchen Orientierung". hrsg. von K. Gebauer und G. Huether, Düsseldorf 2002/Walter)
Arno Gruen: "Unsere Aufgabe muß es sein, die Erinnerung an das Kind in uns zurückzuholen und uns unseren Kindern zu widmen, indem wir auf der Legitimität unseres Mitgefühls bestehn ... Wenn wir nicht gegen die Preisgabe unserer authentischen Gefühle ankämpfen können, zu der wir von Kindheit an genötigt werden, dann wächst die Gefahr, daß das Menschsein unterliegt und wir unsere wahre Identität verlieren. Bei unserer Geburt tragen wir das Mensch-sein in uns. Was sich daraus entwickelt, ist aber häufig nur eine Attrappe, die zwar die Sprache des Menschseins nachahmt, das Herz des Menschen aber verraten hat. Dann geschieht das, was der englische Dichter Edward Young schon im 18. Jahrhundert beschrieben hat: "Wir werden als Originale geboren, sterben aber als Kopien." ("Der Verlust des Mitgefühls. Über die Politik der Gleichgültigkeit", S. 277)
Dr. phil. habil. Gabriele Oberreuter
Ist diese Müdigkeit
die mich plötzlich überfällt
der Mantel über alle Tränen
meiner Kindheit?
Sind diese Schmerzen
die mich quälen
eine Aufforderung
noch einmal
zurückzugehen?
Ist diese Gleichgültigkeit
die ich spüre
wenn andere leiden
die Angst davor
zu ihnen zu gehören?
Ich halte mich
mit aller Gewalt
gegen mich selbst
aufrecht.
Peter Turrini




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