Internet
9. Juni 2013
Positionen zur Kunst
Anna Maria Burgstaller & Sabrina Möller
GOTTFRIED-HELNWEIN-ALBERTINA-RETROSPEKTIVE
GOTTFRIED HELNWEIN - ALBERTINA RETROSPEKTIVE
Er inszeniert seine Kunst als Abwehrkampf gegen seine Umwelt. Er stellt mit seinen Werken Fragen, die wehrlos und betroffen machen. Das Ganze wird durch das scheinbar wahllose Auftauchen von Comic- und Fantasiefiguren auf die Spitze der Absurdität getrieben. Figuren, die in der heutigen Populärkultur allgegenwärtig sind, werden plötzlich bedrohlich und treffen auf Szenen des Krieges. Aus diesen Gegensätzen wird ein Spannungsfeld erzeugt, welches nicht nur den Betrachter anzieht, sondern auch das Oeuvre von Helnwein prägen.
Malträtierte, blutverschmierte und verwundete Kinderkörper. Ein Vokabular aus Adjektiven, das eine sofortige Kriegsassoziation hervorruft, lässt sich für einen Betrachter und Leser nur schwer mit dem Körper eines Kindes als Personifikation der Unschuld vereinen. Für die Wehrlosesten in unserer Gesellschaft bedarf es einer besonderen Fürsorge, die sie vor Brutalität, Gewalt und Schmerz schützen soll. Eine Kombination dieser Adjektive mit dem Bild eines unschuldigen, kleinen Kindes wühlt auf und schockiert. In den Werken von Gottfried Helnwein wird das Motiv des Kindes mit dem brutalen Vokabular vereint und mittels der hyperrealistischen Darstellungstechnik auf die Spitze getrieben.
Paradox mutet auch die bedrohliche Inszenierung der eigentlich so lustigen Disney-Comicfiguren an. Harmlose, konstruierte Charaktere bekommen in den Arbeiten von Helnwein eine fast schon schauerliche Wirkung, die im Betrachter vielleicht noch eher Assoziationen an „Chucky – die Mörderpuppe“ als an Walt Disney’s lustige „Mickey Mouse“ hervorruft. Die Existenz des Grausamen in einer scheinbaren Idylle und der diffuse Übergang von der Wirklichkeit zur Fiktion in seinem hyperrealistischen Werken erzeugt eine spürbare, intendierte Provokation. Gefangen in der täglichen Konfrontation mit Blut und Gewalt fungieren diese Werke als ein Sprachrohr gegenwärtiger Generationen.
Anlässlich seines 65.Geburtstags widmet die Albertina diesem polarisierenden Künstler seine erste Retrospektive in Europa. In über 200 Arbeiten aus allen Werkphasen lässt sich das Schaffen der letzten vier Jahrzehnte nachverfolgen. Ein genial-verstörendes Panoptikum, das nicht nur inhaltlich sondern auch formal ein Spektrum bietet, das neben der Malerei auch ausreichend Raum für seine bekannten fotografischen Arbeiten einräumt.
Der österreichisch-irische Künstler Gottfried Helnwein erhebt seine Bilder zum Sprachrohr einer gesamten Generation. Für eine Gesellschaft, die sich tagtäglich mit blutigen Themen und Szenerien konfrontiert sieht. Gewalt, Krieg und Schmerz sind keine Ausnahmen, sondern – wie uns die Medien täglich bestätigen – in unserem Alltag bis zu einem gewissen Grad verhaftet. Helnwein widmet sich dabei nicht nur aktuellen Problematiken, sondern beschäftigt sich retrospektiv mit dem Nationalsozialismus. Es sind grausame Szenen, die uns vor Augen geführt werden. Szenen die verstören. Sie verstören gerade weil sie näher an der Realität liegen, als man es sich wünschen würde. Und vielleicht ist es genau das, was das Kind als unschuldiges Opfer zur zentralen Thematik von Helnweins Arbeiten macht. Das Blut und die Gewalt als das Symbol einer abgebrühten und pervertierten Gesellschaft? Das Kind, das in diesem Moment noch das Opfer dieser gesellschaftlichen Strukturen ist, bevor es im nächsten Moment selber zum Täter wird? Dabei ist Blut nicht nur rein als eine Assoziation mit purer Gewalt und Schrecken zu lesen. Blut ist etwas, was wir täglich sehen. Sei es in Videospielen, Filmen oder den Medien – als Teil unseres Entertainments. Und auf der anderen Seite ist es eben eine Substanz, ohne die die Funktionalität des menschlichen Körpers nicht gegeben wäre – eine Grundlage unserer Existenz. Doch assoziiert man das Blut rein mit der Begrifflichkeit der Gewalt, dann wirft es die Frage auf, warum es plötzlich so problematisch ist, wenn diese Gewalt auch in der Kunst Einzug erhält?
“Kunst ist für mich eine Waffe, mit der ich zurückschlagen kann.”[1]
Helnwein verhindert durch das Aufgreifen von Tabuthemen in seinen Arbeiten, dass man sich in eine Neutralität flüchten kann. Das Kind fungiert als Metapher des unberührten Menschen und wird dabei zu einer Märtyrerfigur. Doch auch Helnwein selbst macht sich in seinen Selbstportraits zur Metapher für das gesamte menschliche Dasein. Er versucht nicht, sich selbst darzustellen, sondern macht seinen Körper zur Bühne und zum Sprachrohr für die heutige Gesellschaft. In seinen Selbstbildern zeigt er sich immer wieder verletzt und/ oder bandagiert und verdeutlicht damit das Leiden unter einer Gesellschaft, die wie paralysiert zu sein scheint.
Er inszeniert seine Kunst als Abwehrkampf gegen seine Umwelt. Er stellt mit seinen Werken Fragen, die wehrlos und betroffen machen. Das Ganze wird durch das scheinbar wahllose Auftauchen von Comic- und Fantasiefiguren auf die Spitze der Absurdität getrieben. Figuren, die in der heutigen Populärkultur allgegenwärtig sind, werden plötzlich bedrohlich und treffen auf Szenen des Krieges. Aus diesen Gegensätzen wird ein Spannungsfeld erzeugt, welches nicht nur den Betrachter anzieht, sondern auch das Oeuvre von Helnwein prägen.
Die Ausstellung läuft bis zum 13. Oktober 2013 in der Albertina Wien!




nach oben