Interviews
25. April 2008
Galerie Rudolfinum, Prag
Peter Nedoma
Direktor der Galerie Rudolfinum
Peter Nedoma, Direktor der Galerie Rudolfinum in Prag, spricht mit Gottfried Helnwein
Dieses Gespräch fand im April 2008, anlässlich der Ausstellungsvorbereitung für die Retrospektive "Angels Sleeping - The Work of Gottfried Helnwein", in der Galerie Rudolfinum statt.
Helnwein: In den 70er Jahren war ich von den Möglichkeiten der Massenvervielfältigung fasziniert, das Original betrachtete ich damals als eine Art Edelabfall. Es war die Sehsucht nach einer Demokratisierung, einer Umorientierung von einer esoterischen in eine für jeden verständliche Kunst. Aber Jahre später hatte ich mein Damaskuserlebnis als ich Originale von Kandinsky in der National Gallery in Washington und die Renaissance-Gemälde in den Uffizien sah. Ich war so erschüttert und überwältigt von der Unmittelbarkeit nie zuvor erlebter ästhetischen Intensität und der spirituellen Qualität dieser Werke, dass ich zu zittern begann und den Raum verlassen musste, da ich nicht vor allen Leuten zu weinen beginnen wollte. Ich weiss nun dass es die Magie, die Aura eines Kunstwerkes gibt, und ich habe zu der Abendländischen Kunst (von der Gotik, über die Renaissance bis zur Moderne) ein geradezu religiöses Verhältnis. Ich bin immer noch der Meinung, dass die modernen Reproduktionstechniken neue Bereiche und Möglichkeiten für die Kunst eröffnet haben, aber an der Bedeutung des Originals und der Aura eines Kunstwerkes hat das nichts geändert.
Helnwein and Peter Nedoma, director of Galerie Rudolfinum, Prague
2006
Was sind die Schlüsselthemen Ihres Schaffens? Wie unterscheidet sich die Gegenwart von der Vergangenheit?
Helnwein: Zu malen begonnen habe ich wie ein autistisches Kind, ich hatte damals noch keinen Kontakt zu den sogenannten Hohen Künsten,
Meine Ästhetik war geprägt von schlechten Heiligenbildern aus dem 19ten Jahrhundert, Entenhausen, Jimi Hendrix, Captain Beefheart und den Rolling Stones.
Ich wollte ursprünglich gar kein Maler werden, aber irgendwann habe ich eingesehen, dass Kunst wahrscheinlich die einzige Möglichkeit ist, sich gegen die Zumutumgen der Gesellschaft zu wehren und zurückzuschlagen. Kunst war für mich immer in erster Linie eine Waffe.
Das Thema meiner Kunst war immer ident mit dem Thema meines Lebens: dem hoffnungslosen Versuch das absurdeste Phänomen des Universums zu verstehen - den Menschen.
Wie hat sich Ihr Schaffen – Ihrer Meinung nach – entwickelt? Versuchen Sie, die wichtigsten Entwicklungsmomente, wichtigsten Perioden, Zyklen und Bilder zu nennen. Warum ist das Kind, die Gewalt an Kindern eines der zentralen Themen Ihres Schaffens geworden?
Helnwein: Vielleicht ist es ein Defekt, aber von frühester Kindheit an sah ich immer Gewalt um mich herum und die Wirkung von Gewalt: Angst.
Ich habe jedes Sück Information, das ich über den Holocaust, Vietnam, Chile, die Heilige Inquisition und all die Hexenjagden kriegen konnte, in mich aufgesogen. Die durch die gesamte Menschheitsgeschichte vorhandene Lust daran, anderen, vor allem Wehrlosen, ein Maximum an Schmerz zuzufügen, war für mich immer ein Rätsel. Erstaunlich auch, welche Kreativität Menschen dabei entwickeln.
Aber es war vor allem die Gewalt gegen Kinder, die mich nicht mehr losgelassen hat. Wie kann jemand Kindern oder Tieren etwas anderes entgegenbringen als Liebe und Bewunderung? Ich habe gerichtsmedizinische Fotos von Kindern gesehen, die von ihren eigenen Eltern zu Tode gefoltert wurden, was kein Anblick ist, der Sie gut schlafen lässt. In Deutschland und Österreich müssen jährlich tausende Kinder durch ein derartiges Martyrium, bevor sie in den Himmel dürfen.
Und das war der Grund warum ich zu malen begonnen habe, Ästhetik war nicht meine erste Motivation.
Helnwein and Peter Nedoma, director of Galerie Rudolfinum Prag
2006
Helnwein and Peter Nedoma, Galerie Rudolfinum Prag
2006




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