Interviews
8. Oktober 2008
NEWS Magazin
Wien
Renate Kromp
Interview
Es müssen noch mehr Blasen platzen
Der Weltkünstler über den Rechtsruck und die Ursachen der Politikverdrossenheit in Österreich
Gottfried Helnwein. Der begnadete Künstler rechnet im NEWS-Interview mit der Politik, dem Kapitalismus und den Regeln des Kunstmarkts ab.
Helnwein in the studio
2008
NEWS: Sie waren am Wahlsonntag noch für Ihr Opernprojekt in Tel Aviv. Registriert man dort den Rechtsruck in Österreich?
Helnwein: Ganz sicher. In der ganzen Welt. Obwohl die meisten Länder derzeit andere Probleme haben: In Israel fürchtet man sich vor der Iranischen Atombombe und in Amerika bricht gerade das gesamte Banken- und Finanzsystem zusammen zusammen. Aber jene, die sich damit beschäftigen, werden bestärkt im Vorurteil, dass in Österreich die Braunen kurz vor der Machtübernahme sind. Mittlerweile nehmen die meisten an, dass es in Österreich mehr Nazis gibt als in Deutschland.
NEWS: Wie erklären Sie sich den Rechtsruck?
Helnwein: Er ist erschreckend, dass diese Wehrsportler und Deutschnationalen so einen Riesenerfolg einfahren konnten. Aber ich glaube nicht, dass es ein wirklicher Rechtsruck ist. Es war eine reine Protestwahl. Gäbe es wirklich soviele Nazis in Österreich, hätte es sich ja schon bei den Landtagswahlen in NÖ niederschlagen müssen. Aber dort waren die Wähler offenbar der Meinung, dass der Pröll eine gute Arbeit gemacht hat.
Es gibt für die Wähler ja nur wenig Möglichkeiten, etwas zu beeinflussen. Man kann alle vier Jahre zur Wahl gehen und das wars, - ab da können die Politiker ja machen was sie wollen. Deswegen gibt es so eine Politikverdrossenheit. Die Leute sind frustriert: es gibt viele Versprechungen und salbungsvolle Worte und dann werden sie reingelegt und müssen ohnmächtig zuschauen. Nun haben sie die Wahl, auf die Politik ganz zu scheißen, oder jemanden zu wählen, der den grossen Parteien wirklich weh tut. Und das sind in diesem Falle die Rechten.
NEWS: Der Wähler will keinen FP-Kanzler?
Helnwein: Ich glaube, dass der Großteil derer, die diesmal die FPÖ-BZÖ gewählt haben kein rechtes Regime wollen. Strache und Haider haben den Frust der Wähler einfach sehr geschickt ausgenützt, sich in Elder Statesmen-Pose geworfen, Mitgefühl für die Sorgen der Wähler geheuchelt und sich zur Stimme des kleinen Mannes hochstilisiert. Im Kreis der Kameraden wird hingegen, wie immer, Klartext geredet. Für die Medien haben sie die Rollen gewechselt, Kreide gefressen und die Geläuterten gespielt.
Leider ist der Coup gelungen.
NEWS: Um Zorn abzulassen, hatte man heuer aber viele andere Listen zur Wahl.
Helnwein: Es ist ein Nachteil der Mediendemokratie, dass Leute, die mit den Massenmedien besser umgehen können, mehr Stimmen kriegen. Inhalte spielen dabei kaum eine Rolle. Oft entscheidet einfach das bessere Schauspiel-Talent. Da geht es um die richtige Pose, die Gesten, wie man aussieht, was man anhat, ob man Optimismus und Kernigkeit ausstrahlt, was man verspricht, und ob man glaubwürdig den verständnisvollen Menschenfreund mimen kann, der das Ohr am Volk hat.
Da sind Strache und Haider leider relativ gut. Die Grünen haben ja nichts versprochen. Van der Bellen ist sicher sehr intelligent und möglicherweiseh sogar integer, aber den versteht ja niemand. Sein Appeal reicht höchstens für ein paar linke Akademiker oder Alt-68er. Was der in seinen grauen Bart murmelt, ist für die meisten einfach nicht nachvollziehbar. Und von der LiF weiss man nur, dass sie eine traurig blickende Vorsitzende hat.
NEWS: Genieren Sie sich für Österreich?
Helnwein: Überhaupt nicht. Je länger ich weg bin, desto mehr wächst mein Respekt vor Österreich.
In Amerika erlebe ich gerade wie jahrzentelanger Raub-Kapitalismus die mächtigste Nation der Welt zusammenbrechen lässt. Wie die Gier und Skrupellosigkeit der Grosskonzerne und Geldbarone dieses Land geplündert und ausgeblutet haben, wie Sozialleistungen und das Schul- und Bildungssystem der Kriegsindustrie geopfert wurden. Ich fürchte nur, dass dieser Zusammenbruch den Rest der westlichen Welt mitnehmen wird.
Mir ist erst im Ausland aufgefallen, was Österreich zustande gebracht hat. Kein Land der Welt investiert soviel in seine Kultur, wie Österreich. Der allgemeine Wohlstand ist außergewöhnlich und das Sozialsystem funktioniert besser als in den meisten anderen Ländern.
Ich glaube das liegt auch daran, dass man in einem kleinen Land manchmal vernünftigere und menschlichere Entscheidungen treffen kann als in imperialistischen Grossreichen. Mir gefällt es, dass Österreich immer wieder eigensinnig und sperrig seine eigenen Wege gegangen ist und und sich z.B. erlaubt, keine Atomkraft zu haben. Das ist aber nur möglich, wenn wir ein souveräner Staat bleiben. Zum Teil haben wir diese Souverenität ja schon verloren, denn obwohl z.B. niemand in diesem Land genmanipuliertes Saatgut will, können wir das nicht mehr selbst entscheiden.
Und das ist wahrscheinlich auch die Angst bei vielen Leuten, dass wir irgendwann von den Vereinigten Staaten Europas verschluckt werden und korrupte Politiker und Bürokraten in Brüssel, denen das kleine Österreich am Arsch vorbei geht, über uns entscheiden werden.
Und dass wir vielleicht unsere Neutralität verlieren, und unsere Kinder in einer Euro-Armee in Irak oder Afghanistan killen und sterben müssen.
Diese Ängste haben die Rechten geschickt für sich instrumentalisiert.
NEWS: Zur Kunst: In Österreich läuft eben eine Edward Hopper-Schau, auf dessen Werk Sie eine Paraphrase gemalt haben. Beeinflusst der “gute, alte” amerikanische Realismus die Kunst heute noch?
Helnwein: Hopper ist der erste eigenständige amerikanische bildende Künstler. Er wird als Fixpunkt bleiben, weil er als erster die Realität dieser Neuen Welt ästhetisch formuliert hat.
Aber, wer die Kunst heute beeinflusst, ist schwer zu sagen. Das einzige was die Kunstszene derzeit dominiert ist das Kapital. Spekulanten und Stockbroker haben die Kunst in den letzte 2 Jahrzehnten ziemich ruiniert.
NEWS: Der Kunstmarkt ist ja vor einigen Jahren schon als große Blase zerplatzt.
Helnwein: Aber er ist in viel hässlicherer Form wieder auferstanden. Nach jeder Blase kam eine neue, viel grössere. Es müssen wahrscheinlich noch einige Blasen platzen, bis das ganze faulige Gas weg ist.
NEWS: Sind die Kunsthändler die Kolonialisten von heute? China ist bald wieder out, nun zieht man weiter nach Indien...
Helnwein: Die Chinesen haben aber, in der ihnen eigenen merkantile Schläue, den Spiess umgedreht. Sie haben das westliche System durchschaut und von Warhol, Koons und Hirst gelernt.
Heere von chinesischen Künstlern fladern gerade was nicht niet- und nagelfest ist aus der Abendländischen Kultur und überschwemmen mit ihren neo-popigen Aufgüssen die Märkte in Europa und den USA.
Bei den Auktionen werden für Arbeiten von 20jährigen, von denen kein Mensch je gehört hat, Millionen bezahlt. Das sind Manipulationen chinesischer Investoren, die die Schwächen des Westlichen Marktes erkannt haben.
Nach den Amerikanern sind die Chinesen die häufigsten und regelmässigsten Besucher meiner Website. Dass es nicht Reisbauern sind, die sich für meine Arbeiten interessieren, merke ich jedesmal, wenn ich wieder einen Kataolog von einem jungen Chinesischen Künstler in den Händen halte, in dem ich die verschiedensten Variationen und Abwandlungen meiner eigenen Bilder wiederfinde.




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