Interviews
1. Mai 2013
Wiener
Barbara Gasser
RÜCKKEHR EINES REVOLUTIONÄRS
Ab Mai widmet die Albertina Gottfried Helnwein eine umfassende Retrospektive. WIENER-Autorin Barbara Gasser hat den Künstlerin seinem Atelier in Downtown Los Angeles besucht
Gottfried Helnwein: Nach dem Sandy Hook Massaker, wo 20 Schüler kaltblütig erschossen wurden, titelte Jonathan Keats seinen Artikel im „Forbes“ Magazin mit „The true Impact of Violence on Childhood? Why every American ought to see the paintings of Gottfried Helnwein“. Gewalt wird in den USA verherrlicht. Amerika beschert uns eine Kultur des Tötens. Das beginnt bereits bei den Videogames, wo Kindern Killen als Unterhaltungsform vorgesetzt wird. Es sind aber nicht die Waffen Schuld, sondern das Übel liegt in der Gesellschaft. Jedes dieser High School Massaker Kids ist jahrelang mit Psychopharmaka voll gepumpt worden. Das Aus- und Fortbildungswesen ist in den USA erschreckend. Der Staat pulvert lieber eine Trillion Dollar in die Waffen- und Kriegsindustrie statt in Erziehung.
Stacheldrahtzäune, Graffiti bemalte Hauswände, zerbeulte Autos, herrenlose Hunde und Obdachlose am Straßenrand - Downtown Los Angeles, auf den ersten Blick. Doch wer bereit ist, tiefer zu gehen, sieht mehr. Hinter der Tristesse verbirgt sich der Arts District von Los Angeles, den auch der österreichische Maler Gottfried Helnwein zu seiner neuen Wahlheimat erkoren hat. Seit 2000 läßt sich der Künstler von diesem letzten Freiraum, wie er es nennt, inspirieren. Und dem Atelier Besucher strömt statt anarchistischem Chaos wohltuende Zen Luft entgegen. Ein sorgfältig sortierter Querschnitt seiner berühmtesten Bilder ziert die hohen Wände des Art Deco Studios. Diese Energie scheint auch den 64 jährigen Vater und Großvater jung zu halten, denn seit unserer ersten Begegnung vor zehn Jahren ist er um kein bißchen gealtert.
Gottfried Helnwein sorgte Anfang der 70iger Jahre für Skandals mit seinen hyperrealistischen Darstellungen von Gewalt und Mißbrauch an Kindern. Damals brach Helnwein so sehr mit Tabus, dass seine Kunst sogar als entartet beschimpft wurde. „Künstler sind Visionäre. Es ist auch völlig normal, dass die Gesellschaft erst Jahrzehnte später diese Themen aufgreift.“ Sagt er retrospektiv und durchaus verständnisvoll. Mit der Entspanntheit des Meisters, umgeben von erlesenen chinesischen Komoden, exquisiter Bibliothek, antiker Holzschulbänke für die Enkelkinder, analysiert Gottfried Helnwein beim Exklusiv-Interview mit dem „Wiener“ Phasen im eigenen Leben und in der Gesellschaft - mit der amerikanischen geht er dabei hart ins Gericht.
Heute, nach drei Wohnsitzwechseln und einer Schaffensperiode von über 30 Jahren im Ausland, bricht der einstige Skandalkünstler Besucherrekorde bei internationalen Museums-Ausstellungen. Großformatige Bilder von Helnwein erzielen Millionensummen, doch nur selten geben die Sammler ihre erstandenen Besitztümer wieder aus der Hand. Ab Mai widmet die Albertina Gottfried Helnwein die erste umfangreiche Retrospektive und zeigt mit über 200 Objekten die Stationen seines künstlerischen Werdegangs.
at the opening of the exhibition "I was a Child..", Friedman Benda Gallery New York
2010
WIENER: Erstmals nach 30 Jahren zeigt die Albertina eine Retrospektive Ihrer Werke. Ist das ein Gefühl des Heimkommens?
Gottfried Helnwein: Geistig bin ich Wien verbunden geblieben und werde stets ein österreichischer Künstler bleiben. Durch die räumliche wie zeitliche Distanz ist mir nur noch viel bewußter geworden, wie sehr ich mit der österreichischen Kulturtradition verbunden, wenn nicht gar verwurzelt bin. Wo immer ich hingehe, diese Tradition trage ich in mir. Die Rückkehr bezieht sich mehr auf meine künstlerische Arbeit. Die Retrospektive beginnt mit meinem allerersten Bild aus dem Jahr 1969 und ist mit rund 200 Zeichnungen, Aquarellen, Öl- und Acrylmalereien sowie Fotografien dieser letzten drei Jahrzehnte der umfassendste Überblick.
Wie hat sich Wien in dieser Distanz Ihrer Meinung nach verändert?
Gottfried Helnwein: Wien hat sich durch den Fall der Eisernen völlig verändert. Man darf nicht vergessen, Österrich war in der Donaumonarchie eng mit den slawischen Ländern verknüpft. Dieser Resonanzkörper hat danach gefehlt. Seit der Öffnung des Ostens habe ich den Eindruck, Wien gewinnt seine Internationalität zurück und es passiert kulturell immens viel.
Wie würden Sie diese letzten 30 Jahren künstlerisch zusammenfassen?
Gottfried Helnwein: Künstlerisch war ich immer ein Einzelgänger. Bin meine eigenen Wege gegangen. Freiheit und Unabhängigkeit sind mir das Wichtigste, auch mein Werk passt in keine Schubladen. Ich erwarte und fordere von einem Kunstwerk, dass es Emotionen auslöst. Wassily Kandinsky hat gesagt, „die Kunst findet zwischen dem Kreativen und dem naiven Betrachter statt.“ Dem schließe ich mich an. Meine Bilder lösen im Betrachter eine Reaktion aus und dieser Dialog zwischen mir und dem Publikum ist maßgeblich. Bei meinen Ausstellungen sind Menschen auf mich zugekommen, die mich umarmten und weinten. In San Francisco in der Legion of Honor verzeichnete meine Ausstellung mit einen Besucherrekord von 130.000 Menschen. In Mexiko sind es 120.000 Besucher gewesen. Erstaunliche Ergebnisse für einen lebenden ausländischen Künstler.
In Ihren Bildern setzen Sie sich seit Anbeginn Ihres künstlerischen Wirkens mit Gewalt und Kindesmißbrauch auseinander. Was hat Sie ursprünglich dazu bewegt, diese Thematik aufzugreifen?
Gottfried Helnwein: Als Kind fiel mir auf, dass die Erwachsenen nicht die ganze Wahrheit erzählen. In der Schule wurde beispielsweise mit keinem Wort der Holocaust erwähnt. Ich lernte nur, dass Österreich das erste Opfer Hitlers war. Von den Kriegsverbrecher Prozessen erfuhr ich aus den Tageszeitungen. Ich verstand damals nicht alle Zusammenhänge, aber soviel wurde mir klar: viele Gräueltaten sind passiert und sie wurden verschwiegen. Das hat mich zutiefst entsetzt. Noch mehr angeekelt war ich von der Tatsache, dass diese Verbrechen ungestraft blieben. Der Holocaust war der Grund für meinen Bruch mit der Gesellschaft der Generation meiner Eltern. Dieses repressive Klima im Wien der Nachkriegszeit hat auch den Aktionismus oder meine Kunst hervorgebracht. Diese Kunst war anarchistisch, aggressiv und beinhaltete die Abgründe des Menschlichen. Künstler sind der Spiegel ihrer Ära und auch Visionäre. Sie sehen Dinge voraus, die die Gesellschaft noch nicht wahrnimmt. Als ich Anfang der 70iger Jahre Kinder als Opfer von Gewaltverbrechen malte, wurde ich als geisteskrank beschimpft. Heute wird mit jahrzehntelanger Verspätung das Ausmass dieser Gewaltverbrechen ans Tageslicht transportiert und endlich öffentlich diskutiert.
Die katholische Kirche hat ein neues Oberhaupt. Unter dem Vorgänger Papst Benedikt XVI. kamen tausende Fälle von sexuellen Mißhandlungen an Kindern und Jugendlichen durch Priester und Ordensleute ans Tageslicht. Was erwarten Sie sich von Papst Franziskus?
Gottfried Helnwein: Die katholische Kirche hat jahrzehntelang die Vorwürfe vertuscht, wie beispielsweise in Irland, wo ich lebe. Erst in den letzten Jahren ist es zu einer regelrechten Explosion gekommen und die Kirche wird auch von den Medien heftig attackiert. Man muss der Fairniss halber erwähnen, dass sich Kindesmißhandlungen nicht auf die katholische Kirche beschränken. Diese passieren genauso in protestantischen Institutionen und staatlichen Heimen. Die Problematik besteht weiters darin, dass viele Fälle von oben unterdrückt werden und im Stil des organisierten Verbrechen ablaufen. Mit dem Aufdecken von Mißbräuchen wird ein Tabu gebrochen. Jetzt muß die Aufarbeitung auch ganz oben ansetzen.
Sie leben in den USA, wo Gewalt an der Tagesordnung steht. Wie verfolgen Sie die Diskussionen etwa rund um die Waffendiskussion, die die jüngsten Massaker ausgelöst haben?
Gottfried Helnwein: Nach dem Sandy Hook Massaker, wo 20 Schüler kaltblütig erschossen wurden, titelte Jonathan Keats seinen Artikel im „Forbes“ Magazin mit „The true Impact of Violence on Childhood? Why every American ought to see the paintings of Gottfried Helnwein“. Gewalt wird in den USA verherrlicht. Amerika beschert uns eine Kultur des Tötens. Das beginnt bereits bei den Videogames, wo Kindern Killen als Unterhaltungsform vorgesetzt wird. Es sind aber nicht die Waffen Schuld, sondern das Übel liegt in der Gesellschaft. Jedes dieser High School Massaker Kids ist jahrelang mit Psychopharmaka voll gepumpt worden. Das Aus- und Fortbildungswesen ist in den USA erschreckend. Der Staat pulvert lieber eine Trillion Dollar in die Waffen- und Kriegsindustrie statt in Erziehung.
Haben Sie schon einmal daran gedacht, mit Kindern in Schulen zu arbeiten?
Gottfried Helnwein: Zwei Strassen von meinem Atelier entfernt, hat eine private Stiftung ein Gebäude erworben, in dem Kinder aus South Central malen, fotografieren und musizieren können. Das sind Kinder sind oftmals Analphabeten sind und nichts anderes kenne als den nackten Überlebenskampf auf der Straße. Ich besuchte die Kinder einige Male und lud sie auch zu mir ins Atelier ein. Es ist unglaublich bewegend zu beobachten, wie die Kinder aufblühen und sich in wenigen Stunden verändern. Ja, Kunstprogramme oder Sport wären wirksame Präventionen.
Wie haben Sie Ihre eigenen Kinder erzogen?
Gottfried Helnwein: Wir haben keinen Fernseher zuhause und wir kontrollieren den Internet Zugang. Ab dem fünften Lebensjahr wünschen sich nämlich alle Kinder ein i-pad. Keine Frage, Kindererziehung ist in dieser technologischen Welt sicher eine große Herausforderung. Die Aufgabe der Eltern ist es, Kinder vor den Perversionen im Internet zu schützen und gleichzeitig einen alternativen Freiraum zu schaffen, in dem sich die Kinder entfalten können. Später noch kommt das Drogen- und Medikamentproblem bei den Jugendlichen dazu. Wir haben mit unseren Kindern offen darüber gesprochen. Unser Verhältnis war stets ein freundschaftliches. Mir war wichtig, sie zu informieren, aber ihnen nie Drogen zu verbieten. Ich habe nur stets betont: Das ist eure Gesundheit, euer Körper und eure Entscheidung. Obwohl meine Kinder frei erzogen wurden, hat keiner je Drogen oder Medikamente mißbraucht. Die Kinder und Enkelkinder sind mir ein Quell der Freude.
Und jedes Ihrer vier Kinder hat eine künstlerische Richtung eingeschlagen.
Gottfried Helnwein: Ja und sie alle haben ihre Entscheidungen unabhängig getroffen. Ali ist Komponist und hat seinen ersten Emmy gewonnen. Mercedes ist Schriftstellerin, Malerin, seit kurzem macht auch Videos und Musik. Cyril fotografiert und Amadeus lebt als Poet in Irland.
Sie feiern heuer Ihren 65. Geburtstag. Wie halten Sie sich fit?
Gottfried Helnwein: Mit Arbeit, ein bisschen Gym, aber am meisten halten mich die Enkelkinder fit. Die rennen den ganzen Tag herum und ich muss mitmachen.
2000 haben Sie Los Angeles zu Ihrer Wahlheimat erkoren. Welches Bild können Sie uns von Ihrem Lebensraum vermitteln?
Gottfried Helnwein: Los Angeles ist meine Lieblingsstadt. Für Künstler momentan die beste Stadt. Ich wohne und arbeite im sogenannten Arts District in Downtown Los Angeles. Den Namen hat es, weil vor einem Vierteljahrhundert die ersten Künstler nach Downtown zogen. Mieten für großflächige Räume waren spottbillig. Mich erinnert der Arts District mit seinen vereinsamten Brick Buildings und endlosen Straßen an die Bilder von Edward Hopper. Das Bild einer verlassenen Geisterstadt habe ich auch, wenn ich in der Früh ins Atelier gehe. Los Angeles vermittelt noch so ein letztes Stück Freiheit. Was mir noch gefällt, ist das Nebeneinander der vielen ethnischen Welten. Ich kann zu Fuss nach China Town gehen, Little Tokyo oder in den mexikanischen Teil um den Plaza Olvera
Österreich ist in diesem Jahr durch die beiden Oscar Gewinner Michael Haneke und Christoph Waltz in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt.
Gottfried Helnwein: Es gibt Phasen, wo Österreich in den Medien registriert wird. Meistens durch einzelne Personen. Das war bei Kurt Waldheim, Jörg Haider, Arnold Schwarzenegger so und ist nun bei Michael Haneke und Christoph Waltz nicht anders.
Haneke inszeniert gerade an der Madrider Oper. Sie wiederum waren hier in Los Angeles für Bühnenbild und Kostüme beim „Rosenkavalier“ unter der Regie von Maximilian Schell verantwortlich. Würde Sie eine Kooperation mit Michael Haneke reizen?
Gottfried Helnwein: Wenn er mich fragen würde und ich kompromislos arbeiten darf wie in Israel bei „The Child Dreams“, dann bin ich dabei.
Arnold Schwarzenegger hat Ihnen den Auftrag erteilt, sein Governors Portrait für das Capitol in Sacramento zu malen. Enthüllt ist aber noch nicht und niemand weiß von Ihrer Arbeit. Es wäre natürlich schön, wenn Sie uns exklusiv sagen, wie Sie den 38. kalifornischen Governor dargestellt haben?
Gottfried Helnwein: Das Governors Portrait von Arnold Schwarzenegger habe ich noch während der ersten Amtsperiode gemalt. Schwarzenegger legte Wert darauf, würdig als Governor und Staatsmann interpretiert zu werden. Nicht als Actionhero. Das Portrait ist realistisch und monochromatisch in den Farben. Ein kleines interessantes Detail gibt es, aber das darf ich nicht verraten.
at the studio
2010




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