Interviews
5. Juli 2013
Der Standard
Interview
Andrea Schurian
"MEIN SEHNSUCHTSORT WAR ENTENHAUSEN"
Gottfried Helnwein stellt in der Albertina seine Vielseitigkeit unter Beweis - Der Meister des Hyperrealismus über Kunst und amerikanische Politik
Wien - Jedes Bild ein drastisches Manifest, ein empörter Wutschrei gegen Kindesmissbrauch und Gewalt; Mitgefühl mit den Opfern, Warnung vor braunen Schatten der Vergangenheit. Bandagierte Körper und Köpfe, verklebte Münder, Blut. Dazwischen Liebe und Micky Maus und Donald Duck und Stars von Andy Warhol bis Sean Penn. Trivial, popkulturell, politisch, aufrüttelnd, hyperrealistisch, in den 1960er-Jahren das Bürgertum verschreckend; heute im Museum gelandet.
Helnwein and Head of a Child 14 (Anna)
oil and acrylic on canvas, 2012, 300 x 420 cm / 118 x 165''
Die Albertina feiert den bevorstehenden 65. Geburtstag Gottfried Helnweins mit der größten Retrospektive im deutschsprachigen Raum. Mehr als 150 teils riesenformatige Werke aus allen Schaffensperioden haben die Kuratoren Elsy Lahner und Klaus Albrecht Schröder ausgewählt.
Helnwein, Pendler zwischen einem Loft in Los Angeles und einem Schloss in Irland, ist seit 2004 irischer Staatsbürger. Doch seine kulturellen Wurzeln verortet er nach wie vor in Österreich: "In der österreichischen Kunst gibt es die Sehnsucht nach Drastik, nach dem Abgründigen, der Darstellung der dunklen Seiten des Lebens. In dieser Tradition wurzelt auch meine Kunst."
Standard: Gibt es so etwas wie die Schönheit des Schreckens?
Helnwein: Unbedingt! Die Medien berichten unentwegt von Katastrophen und Terror, doch das bewirkt nur, dass die Menschen depressiver, apathischer werden, was bleibt ist ein Gefühl der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins. Da ist Kunst die einzige Möglichkeit, damit umzugehen, sie transzendiert den Schrecken. Goya hat sich wirklich bemüht, die Gräuel des Krieges so drastisch wie möglich darzustellen. Doch es sind wunderschöne Blätter geworden. Selbst von einem Bild, das nur Tod und Wahnsinn darstellt, wird man inspiriert, emporgehoben. Die Unentrinnbarkeit des Schreckens wird durch die Kunst relativiert.
Standard: Geht es auch darum, Opfern die Würde zurückzugeben?
Helnwein: Das ist vielleicht der wichtigste Aspekt: Dass Kunst Würde verleiht. In unserer christlichen Ikonographie ist das Zentrum des Glaubens und dessen Kunst der leidende, sterbende Mensch. Es ist das erste Mal, dass Gott der Leidende und Sterbende ist, sonst hat mam das Göttliche immer mit Unverwundbarkeit und Allmacht assoziiert. Doch dadurch zeigt es die Empathie Gottes: Die Identifikation mit der leidenden Kreatur. Die Schönheit in einem Bild bedeuetet einen Sieg über den Tod. Man greift in die Schöpfung ein, verwandelt etwas.
Standard: Klingt fast gottgleich.
Helnwein: Der Künstler ist eine Art Demiurg. Jemand, der gewissermaßen Gott imitiert und etwas schaffen will. Man könnte auch sagen: Gott ist der erste Künstler. Neue Welten zu schaffen, ist das Prinzip Gottes und des Künstlers.
Standard: Sind Sie gläubig?
Helnwein: Ich weiß nicht, was gläubig sein heißt. Aber ich glaube sicher an....die Ästhetik. An den Menschen.
Standard: Sie haben sich seit den 1960ern mit misshandelten und missbrauchten Kindern beschäftigt. Überrascht Sie jetzt das Ausmaß an Missbrauchsfällen, die damals tatsächlich stattgefunden haben?
Helnwein: Nein. Obwohl ich von den spezifischen Ereignissen damals nichts wusste, habe ich es doch gespürt und ich habe wie besessen in meiner Arbeit immer wieder das verwundete und missbrauchte Kind dargestellt. Kunst kann eine grosse visionäre Kraft haben.
Standard: Wie erlebten Sie diese Zeit?
Helnwein: Es war eine Zeit des Aufbruchs, man brach mit tradierten Werten und Regeln, experimentierte mit Drogen, ließ sich die Haare wachsen. Vor einigen Lokalen gab es Aufschriften wie : „Hunde, Hippies, Gammler und anderes Gesindel haben keinen Zutritt“; die Leute haben uns Steine nachgeworfen und geschrieen, man sollte uns vergasen. Es war eine zweiteilige Revolte: die kulturelle Jugendrevolte hat tatsächlich viel verändert; die politische, neomarxistische Revolte hingegen ist gescheitert. Ich denke an das Postulat vom Marsch durch die Institutionen: Da sind Schily, Fischer und Mahler ganz links unten hineinmarschiert und ganz rechts oben sind sie wieder herausgekommen. Bei diesem Marsch haben die Institutionen gewonnen.
Standard: Und Sie, wo waren Sie?
Helnwein: Ich war immer anarchistisch und habe keinem System getraut. Alle, die an der Akademie als Trotzkisten, Maoisten oder Spartakisten herumliefen und den Arbeiterstaat gründen wollten, hatten im wirklichen Leben nie einen echten Arbeiter gesehen. Sie kamen alle aus privilegiertem Haus, einige waren adelig. Da wusste ich: Ich will nicht von einem Spießertum ins nächste. Ich habe mich immer als Außenseiter gesehen. Kunst erschien mir als der letzte Freiraum der Gesellschaft. Für mich war es auf der Akademie geradezu ein Freiheitsrausch, kommen und gehen zu können, wann ich wollte; malen, was und wann ich wollte.
Standard: Sind Sie dann nach Los Angeles gegangen, weil dort die Chance, reich und berühmt zu werden, deutlich größer war als im Nachkriegswien?
Helnwein: Mich hat Geld nie interessiert, im Gegenteil, reiche Leute fand ich immer langweilig. Aber im muffigen, repressiven Nachkriegs-Wien war der einzige Hoffnungsschimmer die amerikanische Kultur. In der Pfarre, in der ich ministrierte, sah ich erstmals Chaplin-Filme. Und die ersten deutschen Micky Maus-Hefte waren für mich ein Schritt in eine andere, utopische, grenzenlose Welt. Mein Sehnsuchtsort war Entenhausen. Und Entenhausen lag in Amerika. Ich habe immer noch große Zuneigung zu diesem Land und dem Experiment der Freiheit, das allerdings am Scheitern ist. Der Zusammenbruch dieses Regimes könnte die Welt in ein Schreckensszenario stürzen.
Standard: Sie meinen: Obama?
Helnwein: Er hat zu Unrecht ein derart gutes Image in Europa. Nach der Bush-Ära setzte man große Hoffnungen in ihn, doch er setzt dessen Kurs kerzengerade fort. Jeder weiß: Obama hat eine Todesliste. Da setzen er und seine Berater willkürlich Namen drauf, dann fliegen Drohnen los und irgendwer löscht mit seinem Joystick Menschenleben aus: Familien, Kinder, Tausende, die zufällig in der Nähe sind. Statt Kriege zu beenden, hat er sie ausgweitet. Und er hat den Nationale Defense Organisation Act unterschrieben, der besagt, dass jeder amerikanische Staatsbürger ohne Angabe von Gründen verhaftet und für immer weggesperrt werden kann. Ich habe mich immer gefragt, wie es geschehen konnte, dass eine zivilisierte, gebildete Gesellschaft wie in Deutschland und Österreich in den 30er Jahren in so kurzer Zeit in den Zustand absoluter Barbarei stürzen konnte. Seit ich in Amerika lebe, weiß ich die Antwort. Die USA sind seit dem zweiten Weltkrieg ständig in Kriegshandlungen verwickelt, in denen bisher schätzungsweise 26-30 Millionen Menschen umgebracht wurden. Die Folter wurde wieder eingeführt, die jetzt netter Weise „Enhanced Interrogation“ genannt wird. Wenn ich sehe, wie die einst beste Verfassung der Welt Makulatur geworden ist, durch die vielen neuen Gesetze, und niemandem fällt das auf: dann verstehe ich plötzlich meine Elterngeneration, die auch nichts bemerkt hat.
Standard: Wenn Sie Ihre Jugend mit der heutigen vergleichen: Worin liegt der größte Unterschied?
Helnwein: Heute herrscht weitgehend Desinteresse an gesellschaftlichen und politischen Fragen, ausgelöst durch die Überflutung von kommerziellem Entertainment und Konsumgütern. Und es gibt ein neues Phänomen: Kinder begehen Massenmorde an Kindern. Das ist jetzt Teil des american way of life. Neu ist auch Selbstmord am Fließband: Mehr amerikanische Soldaten sterben durch Selbstmord, als durch Kriegshandlungen. Nimmt man Soldaten und Veteranen zusammen, erschießt sich fast stündlich jemand. Alles ist martialisiert. Die Kinder spielen oft neun Stunden am Tag Töten am Computer. Die Erwachsenen machen es dann genau gleich und killen mittels Joystick und Drohnen. Viele Kinder kommen aus desolaten Familien, verbringen ihre Zeit vorm Fernseher, sind vollgepumpt mit Psychopharmaka, damit sie stillhatlen und steigen nahtlos auf Drogen um. In diesem Mix aus Gewalt und Trostlosgikeit entsteht für das Kind ein totaler Realitätsverlust. Von der westlichen Welt, vor allem von Amerika geht eine Kultur des Todes aus: Es wird immer getötet – in Filmen, in den Nachrichten und in Computergames. Vielleicht ist das ein Teil der Gründe, dass Kinder nun zur Waffe greifen und andere Kinder niedermähen.
Standard: Sie haben viele Rockmusiker porträtiert. Welche Musik hören Sie am liebsten beim Malen?
Helnwein: Ich höre vor allem Hörbücher - eine fantastische Erfindung. Denn rein aus Zeitgründen könnte ich gar nicht alles lesen, was mich interessiert. Ich hörte zum Beispiel stundenlang Thomas Mann, durch ihn habe ich die Schönheit der deutschen Sprache entdeckt. Für mich war das wie Musik, eine Wortsymphonie. In einem Vortrag sagte er einmal, Schriftsteller sind entweder Maler oder Architekten oder Musiker. Er zähle sich zu den Musikern. Genau das habe ich beim Lesen seiner Bücher ständig empfunden. Wenn man dieses Prinzip auf die Malerei anwendet, würde ich sagen, ich bin Literat.
Andrea Schurian, DER STANDARD, 24.5.2013
Gottfried Helnwein in downtown Los Angeles
2013




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