Interviews
22. Mai 2014
Suedostschweiz
Olivier Berger
Helnwein-bricht-eine-Lanze-fuer-Giger
Helnwein bricht eine Lanze für Giger
Interview mit Gottfried Helnwein
Ich glaube, dass man als Künstler auch bis zu einem gewissen Masse Chronist seiner Zeit ist. Die Massenmedien bombardieren die Menschen unentwegt mit Berichten von Katastrophen und Terror in einen Zustand von völliger Hilflosigkeit und Depression. Nur die Kunst hat die Macht, den Schrecken und das Abgründige der menschlichen Existenz zu transzendieren und aufzulösen.



Herr Helnwein, vor einer Woche ist H.R. Giger gestorben. Kannten Sie sich eigentlich persönlich?


Wir haben uns vor vielen Jahren einmal auf der Basler Kunstmesse getroffen, und er hat eine Arbeit von mir gekauft, die jetzt in seinem Museum ist.


Sie sind etwas jünger als Giger. Hat er Sie künsterlsch beeinflusst?

Als ich zu malen begonnen habe, war ich wie ein autistisches Kind, ich habe mich damals weder für die Kunstszene noch für andere Künstler interessiert, ich hatte keine Vorbilder. Ich habe einfach gemalt was mir in den Sinn kam, und es war mir egal was andere davon hielten.


Es gibt ja einige Parallelen zwischen Ihnen beiden. Beide haben Sie beispielsweise auch Plattencovers gestaltet.

Ich glaube, dass es zwischen Musikern und Bildenden Künstlern generell eine starke Anziehungskraft gibt.  Warhol hat Covers für Velvet Underground und die Stones gemacht, Robert Crumb für Janis Joplin, Giger für Debbie Harry, Emerson Lake & Palmer, the Dead Kennedys, und ich für Marilyn Manson, Rammstein und die Skorpions.



H.R. Giger hat laut dem früheren Direktor des Bündner Kunstmuseums den Ängsten seiner Zeit ein Gesicht gegeben. War für Sie auch Triebfeder Ihres Schaffens, Ängste und Beklemmungen in Bilder zu fassen?

Ich glaube, dass man als Künstler auch bis zu einem gewissen Masse Chronist seiner Zeit ist. Die Massenmedien bombardieren die Menschen unentwegt mit Berichten von Katastrophen und Terror in einen Zustand von völliger Hilflosigkeit und Depression.
Nur die Kunst hat die Macht, den Schrecken und das Abgründige der menschlichen Existenz zu transzendieren und aufzulösen.
So wie Goya mit seinen Bildern die Gräuel des Krieges seiner Zeit in  drastischer Weise festgehalten hat, oder Picasso die Menschheit daran gehindert hat, Guernica zu vergessen, so beschreibt Giger das Dystopia auf das die Menschheit zusteuert, wie schon Huxley und Orwell vor ihm.


Die verletzte Seele scheint Sie zu faszinieren – diesen Eindruck erwecken sowohl Ihre Bilder von Kindern wie auch die bereits frühen Aktionen mit Selbstverwundungen.

Ich habe seit 1969 in meinen Bildern und Aktionen geradezu obsessiv immer wieder das Thema des leidenden und verwundeten Kindes behandelt. Man hat mich beschimpft,  Ausstellungen sind abgebrochen und meine Bilder durch die Polizei beschlagnahmet worden.
Zur gleichen Zeit wurden, von der Öffentlichkeit unbemerkt,  in kirchlichen und staatlichen Heimen, unzählige Kinder misshandelt, vergewaltigt und getötet. Erst jetzt, Jahrzehnte später kommt dieser Skandal hoch und die Gesellschaft ist gezwungen sich damit auseinanderzusetzen, Und erst jetzt wird vielen klar, dass meine Arbeiten nicht einer kranken Phantasie entsprungen sind, sondern das reale Leid ihrer eigenen Welt beschrieben haben.
Aber das ist ja vielleicht die eigentliche  Aufgabe des Künstlers - Dinge aufzuspüren und sichtbar zu machen, die die meisten lieber nicht wahrnehmen, lieber unsichtbar lassen würden.


Sie wurden vom etablierten Kunstbetrieb – wie H.R. Giger auch – längere Zeit geächtet. Noch vor wenigen Jahren apostrophierte man Sie als Pop-Art-Künstler. Hat Sie das getroffen?

Ich habe mich noch nie in irgendein System einordnen können, ich war von Anfang an aufsässig und habe mich immer gerne mit Theoretikern und selbsternannten Autoritäten angelegt, die irgendwelche Regeln aufstellen, über das was Kunst darf und was nicht.. Mir war Freiheit und Unabhängigkeit immer das wichtigste.  Ich bin schon als alles mögliche bezeichnet worden, ob auch ‘Pop-Art-Künstler’ darunter war, weiss ich nicht. Es wäre zwar unkorrekt aber in keiner Weise beleidigend. Diese Bezeichnung würde eher auf Andy Warhol zutreffen, den ich sehr respektiere.


Woran lag diese teilweise Ablehnung? Allein am Realismus Ihrer Bilder kann es ja nicht gelegen haben. Gerhard Richter und Neo Rauch malen auch gegenständlich, wurden und werden vom Feuilleton aber hoch gelobt.

Damien Hirst hat einmal etwas gesagt, das gar nicht so dumm ist: ‘Kunst und Kunstmarkt sind zwei völlig unterschiedliche Dinge - Bei der Kunst geht es um’s Leben, beim Kunstmarkt um Geld’.  Diese Worte hätten kaum aus einem berufenerem Munde kommen können.
Es gibt eine kleine Gruppe von Power-Playern, die bestimmen, wer in den Olymp der Kunstmarktes aufgenommen wird und bei dem Spiel um  Geld und Ruhm mitspielen darf. Die Kriterien dafür sind unergründlich und sehen sehr nach Willkür aus.  Gerhard Richter hält den grössten Teil dieser ‘Auktionskunst’, wie sich ausdrückt, für Mist, und zu den Preisen, die seine eigenen Arbeiten erzielen, meint er, es sei ‘unerträglich und pervers, dass solche Summen dafür bezahlt werden.’


In Zürich ist derzeit eine heftige Debatte darüber im Gange, ob H.R. Gigers Arbeiten überhaupt Kunst sind. Und ob sie öffentlich gezeigt werden sollen. Einmal mehr steht der Pornografie-Vorwurf im Raum. Tönt das für Sie vertraut?


Woher kommt eigentlich diese Schnapsidee, dass ein paar Wichtigtuer  und Theoretiker über das Privileg verfügen sollen, ‘Künstler’-Titel verleihen oder verweigern zu dürfen, wie Adelsprädikate.

Ich habe nie verstanden, warum es grosse Kunst sein soll, wenn Roy Lichtenstein ein Bild aus einem Comic-strip auf die Leinwand projiziert und nachmalt, während das Original als Junk betrachtet wird.
1990 gab es im MOMA in New York eine Ausstellung, die grosse Aufregung  verursachte:  ‘High and Low’,  wo man das erste mal der sogenannten Hochkunst auch Beispiele, der bis dahin verachteten ‘Popular Culture’ gegenübergestellt hat. Als mein Galerist in San Francisco lange davor, als erster, Arbeiten von Robert Crumb gezeigt hat, gab es einen Aufschrei der Empörung, weil er es gewagt hatte, Comics wie Kunst zu präsentieren. Als Crumb dann in der ‘High and Low’ Ausstellung gezeigt wurde, war er über Nacht ein gefeierter Star der Kunstszene und museumstauglich.
Giger ist sicher einer der bedeutenden Künstler des 20/21. Jahrhunderts, er hat eine ganz unverwechselbare, eigenwillige Bildsprache entwickelt, die so relevant ist für unsere Zeit wie Hieronymus Bosch für das 15. Jahrhundert. Seine Bilder haben sich in die Köpfe der Leute auf der ganzen Welt eingebrannt und  er wird sicher überbleiben, wenn viele der heute hochgejubelten Kunst-Starlets längst vergessen sind.


Ihnen wurde im Laufe der Jahre ja auch allerhand vorgeworfen – z.B. Gewaltverherrlichung


Über Wien, der Stadt in der ich kurz nach dem Krieg geboren wurde, hing immer noch der Schatten des 1000jährigen Reiches. Obwohl niemand über diese Zeit gesprochen hat, spürte ich von Anfang an, das Ungeheuerliche, das mir verschwiegen wurde. Ich war wahrscheinlich ein nervendes und sehr insistierendes Kind, denn ich wollte immer wissen was es war, worüber die Menschen nicht sprechen wollten. Es hat Jahre gedauert, bis mir klar wurde, dass meine Elterngeneration für den grössten Genozid der Menschheitsgeschichte verantwortlich war.
Als ich dann sah, wie Kriegsverbrecher und Massenmörder von den Gerichten freigesprochen wurden, und viele von ihnen hohe Positionen in der neuen Gesellschaft einnahmen, zerbrach mein Glaube an das System. Später habe ich immer wieder versucht, dieses Thema in meinen Bildern zu verarbeiten, so wie Anselm Kiefer und andere Künstler meiner Generation. 1988 zum 50.ten Jahrestag der sogenannten ‘Reichskristallnacht’ habe ich in Köln zwischen Dom und  Museum Ludwig eine 60 Meter lange Installation errichtet,  mit überdimensionalen Kindergesichtern, die wie zur Selektion aneinander gereiht waren. Eines nachts wurden die Gesichter vermutlich von Neo-Nazis zerschnitten. Inzwischen wurde diese Installation in allen Teilen der Welt gezeigt, vor 2 Jahren auch in Israel.



Inzwischen sind Sie vom Kunstbetrieb voll anerkannt, stellen in Wien in der Albertina aus. Wo und warum hat sich die Wahrnehmung Ihrer Kunst geändert?


Es ist schon meine dritte Ausstellung in der Albertina und seit den 90er Jahren habe ich regelmässig Einzelausstellungen in Museen überall auf der Welt. Ich glaube in der Kunst gibt es immer einen gewissen Verzögerungseffekt, da der Künstler in der Regel seiner Zeit voraus ist.
Langmut, Beharrlichkeit und Geduld sind in diesem Geschäft unverzichtbar.


Ihre Ausstellung in der Albertina war die erfolgreichste eines zeitgenössischen Künstlers in der Geschichte dieses Museums. Treffen Sie den Nerv des Publikums einfach besser als viele Ihrer Kollegen?

Marcel Duchamp hat gesagt: ‘Die Kunst ist ein zwei-poliges Produkt - 50% ist der Künstler und 50% das Publikum. Und was zwischen diesen beiden Polen passiert ist so etwas wie Elektrizität’. So habe ich Kunst immer verstanden. Ich denke Kunst muss die Fähigkeit eines emotional Impacts haben, das heisst, sie muss den Betrachter in irgendeiner Weise emotional berühren, bewegen, erschüttern können.  Klaus Schröder, der Direktor der Albertina war ganz verblüfft, er hat gesagt in all den unzähligen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst hat er die Menschen noch nie so bewegt gesehen, und er konnte gar nicht glauben, dass einige Besucher sogar weinten, als sie vor meinen Bildern standen.


Führt das auch zu Neid?

Keine Ahnung.


Sie sind inzwischen 66 Jahre alt, pendeln zwischen Irland und den USA. Was bewegt Sie derzeit künstlerisch?

Ich habe so viele Ideen für Bilder, Performances und Filme im Kopf und ich plage mich mit dem Versuch ab, das alles umzusetzen.


Mit eine Verstummen der radikalen Stimme Helnwein ist so bald also nicht zu rechnen?


Nein, rechnen Sie nicht damit, machen Sie sich lieber auf das Schlimmste gefasst..





Helnwein-Retrospective at the Albertina Museum Wien
2013




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