Interviews
4. August 1995
Süddeutsche Zeitung Magazin
Interview
Jüngstes Gericht, (erstes Vorgespräch)
über sein Dasein auf Erden wird befragt: Gottfried Helnwein, 47, Künstler, z.Zt.Burg Brohl (Eifel)
(Auszug) Ein Bild von Ihnen heisst "Gott in Panik"... - Ich kann zu Gott gar nichts sagen. - Aber zu Gott etwas malen, offenbar. - Wenn eine so lange Zeit so viele Leute sich einen Gott wünschen, dann wird es möglicherweise einen geben. Man kann alles erschaffen. Aber zu dem Bild: Wenn ich Gott von dieser Welt wäre, wäre ich in Panik. Ist das etwa bei euch da oben nicht so? - Wir sehen vor allem, dass Helnwein in Panik ist. - Ich habe von Anfang an erkannt, dass diese Welt in einem katastrophalen Zustand ist, und dass man die Menschen permanent daran erinnern muss. Ich habe nicht so gute Verdrängungsmechanismen wie die meisten anderen Menschen. - Sie sind wütend auf die Menschen, aber im Grunde lieben Sie sie, nicht wahr? - Eigentlich ja. So komisch das klingt. Nur in der Masse werden sie gefährlich. Mich erschreckt, dass es das Ziel der meisten Menschen ist, bedeutungslos zu sein.
JÜNGSTES GERICHT, (ERSTES VORGESPRÄCH) Süddeutsche Zeitung Magazin, Interview, 1995
über sein Dasein auf Erden wird befragt: Gottfried Helnwein, 47, Künstler, z.Zt.Burg Brohl (Eifel)
sm: Gottfried. Was für ein Name!
Helnwein: Ich habe mir diesen Namen wirklich nicht ausgesucht. Ich glaube nicht an Symbole, nicht an Namen, und an einen Gott glaube ich auch nicht. Meine Eltern waren streng katholisch. Ich war Ministrant, war auf einer Klosterschule, wurde von Jesuiten erzogen. Das ist vorbei. Over.
sm: Wenn Sie an diese Zeit zurückdenken: Ist da gar nichts Positives?
Helnwein: Nein, gar nichts. Auch so etwas wie Heimatgefühl habe ich nicht. Man sieht ja, wie wichtig es für viele ist zu sagen: Ich bin Serbe, ich bin Deutscher. Wenn einer unbedingt ein Bayer sein will, soll er. Ich kann so etwas nicht sagen. Ich will kein Katholik sein, kein Evangele, kein Moslem, nichts davon.
sm: Seit wann denken Sie so?
Helnwein: Eigentlich schon als Kind. In Wien, diesem braun-katholischen Sumpf Österreichs, waren Elvis und Micky Maus die einzigen Lichtblicke. Später kamen dann die Rolling Stones und die Beatles dazu.
sm: Sie klingen bitter.
Helnwein: Ja, ich bin wütend, wenn ich an meine Kindheit denke. Das ist das einzige, was ich in meinem Leben wirklich bedaure: daß ich eine so spießige Kindheit in einem katholischen Naziland verbringen mußte.
sm: Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, daß Sie ohne diese Kindheit vielleicht nie der Künstler Helnwein geworden wären?
Helnwein: Das ist schon richtig. Aber so eine Kindheit, wie meine es war, ist einfach ein Verlust an Zeit. Als Kind habe ich immer Sehnsucht gehabt, andere Länder zu sehen, andere Sprachen zu sprechen. Diese Wünsche sind viel zu spät in Erfüllung gegangen. Deshalb sollten meine Kinder das wenigstens kennenlernen.
sm: Sind sie ein guter Vater?
Helnwein: Ich will auf keinen Fall die Fehler machen, die mit mir geschehen sind. Meine Kinder Cyril, Mercedes, Ali und Amadeus sind von klein auf mit mir gereist. Ich habe sie immer überallhin mitgenommen. Durch ganz Amerika, im Wohnmobil, aber auch in Luxushotels. Kinder lieben Hotels. Das sind für sie richtige Märchenschlösser. Aber Kinder sind mir nicht nur wegen meiner eigenen Vergangenheit wichtig. Kinder denken nicht in Schubladen. Sie sind chaotisch, also schöpferisch. Es ist so falsch, daß die Menschen ihre Kinder immer aus ihrer Welt ausklammern. Ich habe zwischen Erwachsenenwelt und Kinderwelt nie einen Unterschied gemacht.
sm: Was bezwecken Sie mit Ihrer Kunst?
Helnwein: Kunst muß man handhaben wie eine Waffe. Aus ästhetischen Gründen habe ich nie gemalt. Als Jugendlicher habe ich nur gewußt, daß ich etwas in der Welt verändern will. Als Politiker verändert man nichts. Als Terrorist verändert man nichts. Als Arzt kann man vielleicht etwas verändern.
sm: Glauben Sie, daß Sie das Grauen auf dieser Menschenwelt verringert haben, indem Sie es darstellen?
Helnwein: Ich glaube nicht.
sm: Traurig. Traurig.
Helnwein: Vielleicht ist es nur so verdammt schwer zu beweisen, daß Kunst etwas verändert. Aber: Wenn wir aus der ganzen Geschichte der Menschheit alles wegnehmen würden, was Kunst ist, also: Malerei, Literatur, Architektur, Musik, Mode und Design, - es bliebe nur ein Haufen von Gestörten übrig, die sich ständig abschlachten. Sie können ohne Kunst nicht mal einen ordentlichen Krieg führen, denn es gäbe ja nichts zu zerstören.
sm: Interessante These.
Helnwein: Ohne Kunst keine Geschichte. Egal, ob man an Ägypten, an die Gotik oder an China denkt - um Vergangenheit zu bestimmen, fällt uns immer sofort nur ein Kunstwerk ein. Die ganze Menschheitsgeschichte ist doch nur ein Kampf zwischen den Leuten, die etwas erschaffen, und jenen, die etwas zerstören wollen. Es ist dieselbe kreative Kraft, die jemanden die Atombombe konstruieren oder die Sixtinische Kapelle ausmalen läßt.
sm: Ein Bild von ihnen heißt "Gott in Panik". . .
Helnwein: Ich kann zu Gott gar nichts sagen.
sm: Aber zu Gott etwas malen, offenbar.
Helnwein: Wenn eine so lange Zeit, so viele Leute sich einen Gott wünschen, dann wird es möglicherweise einen geben. Man kann alles erschaffen. Aber zu dem Bild: Wenn ich Gott von dieser Welt wäre, wäre ich in Panik. Ist das etwa bei euch oben nicht so?
sm: Wir sehen vor allem, daß Helnwein in Panik ist.
Helnwein: Ich habe von Anfang an erkannt, daß diese Welt in einem katastrophalen Zustand ist, und dass man die Menschen permanent daran erinnern muss. Ich habe nicht so gute Verdrängungsmechanismen wie die meisten anderen Menschen.
sm: Sie sind wütend auf die Menschen, aber im Grunde lieben Sie sie, nicht wahr?
Helnwein: Eigentlich ja. So komisch das klingt. Nur in der Masse werden sie gefährlich. Mich erschreckt, daß es das Ziel der meisten Menschen ist, bedeutungslos zu sein.




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