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18. März 2007
Standard
Kultur
Michael Freund
Der große Held der Verlierer
Gottfried Helnwein gestaltete in Krems eine Schau über Carl Barks – Der Künstler im STANDARD-Interview
Unsere Generation, die nach dem Krieg geboren und aufgewachsen ist, stand vor dem Nichts. Da war nichts außer der Betriebsamkeit der Nachkriegsgeneration, alles war grau und eng. Und dann kamen diese Hefte. Sie waren in mehrerlei Hinsicht ein Glücksfall: Zum einen waren sie bei uns viel besser koloriert als die Originale. In Amerika waren die Comic-Hefte Nebenprodukte. Carl Barks hat gezeichnet, irgendwelche Leute haben ganz schnell und billig die Farbe dazugetan, und das war’s. Für die deutschsprachigen Hefte aber hat man Künstler ihres Fachs beschäftigt, die den Bildern eine ganz andere Tiefe und Dichte gegeben haben, und man hat sie in wunderbarem Kupfertiefdruck gedruckt. Dazu kamen die Übersetzungen der Erika Fuchs, die bekanntlich ein eigenes Kunstwerk sind. Vor allem aber war es die Arbeit des Carl Barks selbst.
Helnwein and Donald
2005
Schmerzverzerrte Gesichter, Kinderleid, Verletzungen: In Österreich ist Gottfried Helnwein vor allem als "der Schockmaler" bekannt, aus der Zeit, als seine fotorealistischen Profil-Cover und Kulturposter entsprechendes Aufsehen erregten. Seit mehr als 20 Jahren lebt der 1948 in Wien geborene Künstler im Ausland. Mittlerweile arbeitet er auch mit Mixed Media und Riesenformaten, für Film und Theater.
Unumstritten bleibt, dass Helnwein einer der wichtigsten Vermittler der Arbeiten von Carl Barks ist. Barks (1901–2000) war "the good duck artist", der Zeichner im Disney-Stall, der die Figuren aus Entenhausen nicht nur zum Großteil erschaffen, sondern zu einem imposanten Gesamtwerk erhoben hat. Im Karikaturmuseum Krems läuft ab Sonntag, 25. März, die von Helnwein neu gestaltete Retrospektive "Donald Duck ... und die Ente ist Mensch geworden".
STANDARD: Herr Helnwein, warum ist gerade Carl Barks für Sie ein besonderer Held?
Helnwein: Das ist zum Teil biografisch. Unsere Generation, die nach dem Krieg geboren und aufgewachsen ist, stand vor dem Nichts. Da war nichts außer der Betriebsamkeit der Nachkriegsgeneration, alles war grau und eng. Und dann kamen diese Hefte. Sie waren in mehrerlei Hinsicht ein Glücksfall: Zum einen waren sie bei uns viel besser koloriert als die Originale.
In Amerika waren die Comic-Hefte Nebenprodukte. Carl Barks hat gezeichnet, irgendwelche Leute haben ganz schnell und billig die Farbe dazugetan, und das war’s. Für die deutschsprachigen Hefte aber hat man Künstler ihres Fachs beschäftigt, die den Bildern eine ganz andere Tiefe und Dichte gegeben haben, und man hat sie in wunderbarem Kupfertiefdruck gedruckt.
Dazu kamen die Übersetzungen der Erika Fuchs, die bekanntlich ein eigenes Kunstwerk sind. Vor allem aber war es die Arbeit des Carl Barks selbst.
STANDARD: Was genau?
Helnwein: Man muss sehen, dass Barks einfach mit seinem schwarzen Strich ganze Welten erschaffen hat. Er hat den Tieren eine universelle Bedeutung gegeben, das ist nur wenigen Zeichnern gelungen ist. Mit diesem Strich kann er einer Ente kleinste Nuancen von Gefühlsänderungen verleihen. Man kann die Zeichnungen Menschen in unterschiedlichsten Kulturen vorlegen, und alle erkennen die dargestellten Gefühle. Das macht ihn für mich zu einem der größten Künstler des 20. Jahrhunderts.
STANDARD: Bill Watterson, der Zeichner von "Calvin und Hobbes", beherrscht diese Kunst auch, er kann mit sparsamen Mitteln ganze Welten eines kleinen Kindes und seines imaginierten Tiger-Freundes darstellen.
Helnwein: Ich finde Calvin und Hobbes großartig. Aber was bei Barks dazukommt, sind die groß angelegten, fast epischen Geschichten, die Abenteuerreisen, die uns in immer andere Welten führen. Da ist er schon viel weiter und freier, schon allein wegen der Tatsache, dass er über viele Seiten Platz gehabt hat und nicht ans das Vier-Bild-Schema eines täglichen Strips gebunden war.
STANDARD: Ein Teil der Spannung besteht darin, dass die Reisenden meistens keine großen Helden sind.
Helnwein: Das ist ganz wichtig. Nach dem Krieg hat Amerika die Welt beherrscht, war der große Sieger. Damals war dort die Freude an Superhelden-Comics groß. Bei uns hingegen war Donald eher eine Identifikationsfigur, einer, der kaum siegt, der sich viel ärgert.
STANDARD: Möglicherweise kommt ein Mitglied der Familie Disney als Gast zur Eröffnung nach Krems. Nun hört man immer wieder, dass Barks von Disney ziemlich ausgenützt worden sei. Wie passt das zusammen?
Helnwein: Das stimmt so nicht. Das wird zwar von Barks-Fans gerade in Deutschland gerne gesagt, aber Barks selbst sieht das ganz anders. Als ich ihn 1984 in Oregon besuchte, hat er mir erzählt, dass es ihm bei Disney sehr gut gegangen ist. Er schilderte Walt Disney als jemanden, der Talente gefördert, sie motiviert und gemanagt hat. Er bezahlte seine Leute überdurchschnittlich gut und beförderte sie, wenn ihm die Gags gefallen haben. Da ist man, wie eben Barks selbst, schnell zum Mitglied des Kreativteams geworden. Disney hat Perfektion gewollt und sie entsprechend honoriert.
STANDARD: Bis zum Streik 1941.
Helnwein: Ja, der Streik soll ihn persönlich sehr getroffen haben, das sagt auch Carl Barks. Disney hat es nie verwunden, dass er, in seinen Augen, hintergangen worden ist.
STANDARD: Sie kennen ja, apropos, viele Menschen aus dem Showgeschäft. Wie steht es da mit der Bekanntheit und Beliebtheit von Carl Barks?
Helnwein: Er ist in den USA sicher weniger bekannt und geschätzt als in Europa, vor allem in den deutschsprachigen Ländern. Es gibt treue Fans, wie Bruce Hamilton, der die Barks-Gesamtausgabe betreut hat (The Carl Barks Library, in 30 Bänden. Scottsdale, Arizona: Another Rainbow Publishing Company) und der leider gestorben ist, aber die sind halt nicht sehr viele. Andererseits gibt es viele Fans von Bildergeschichten wie den Manga-Comics oder Graphic Novels, mit denen ich wiederum nicht viel anfangen kann.
STANDARD: Und Ihre Kinder?
Helnwein: Die sind mit den Duck-Geschichten aufgewachsen.
STANDARD: Und das hat funktioniert? Gab es keine Reak_tion ins radikale Gegenteil?
Helnwein: Überhaupt nicht. Noch heute erinnern sie sich mit Freude an die Hefte, die herumgelegen sind. Unlängst ruft mich unser ältester Sohn Cyrill an und sagt, dass seine Tochter Croí (Cree) ihr erstes Wort gesagt hat. Sie hat auf eine Zeichnung gedeutet und gesagt: "Duck!" Da hab ich gewusst, dass die Saat auf fruchtbaren Boden gefallen ist.
DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.03.2007
Donald Duck ... und die Ente ist Mensch geworden.
Das zeichnerische und poetische Werk von Carl Barks. Karikaturmuseum Krems, 25. März bis 4. November.
Der vom Karikaturmuseum herausgegebene Katalog zur Ausstellung mit zahlreichen Textbeiträgen und einer Bilddokumentation kostet € 19,90.




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