Helnwein ( presse )
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Märkische Allgemeine
Potsdam,Brandenburg,Germany
Ralf Schuler
HART, ABER HERZLICH
Nach vier Jahren Pause legt Rammstein jetzt ein neues Opus vor. „Liebe ist für alle da“
Ich tu dir weh: Ein vertonter Gottfried Helnwein mit Gabelzinken im Auge. Ein Lied über Auto- oder Fremdaggression mit hallreichen Gesangsbögen und gewaltigen Bässen.

Gottfried Helnwein : Rammstein, Schneider
Rammstein, Schneider 1997
photo: gottfried helnwein

Der Titel ist wie immer Programm bei Rammstein: „Liebe ist für alle da“ – lakonisches Gutmenschentum zwischen Sonntagspredigt und Gruppensex. Überhaupt ist Liebe und ihre Unmöglichkeit in dieser Zeit von Anbeginn das große Thema der Berliner Crossover-Heavy-Klamauk-und-Kunst-Rocker. „Herzeleid“, „Mutter“, „Rosenrot“, „Sehnsucht“, Vorgänger-Alben, die ebenfalls im Titel und in den Titeln jene märchenhafte Gefühlswelt ansprechen, die im Alltag fast nie (er)lebbar ist und auch vorsichtshalber nur leicht verkitscht thematisiert wird, damit niemand die ernsthafte Verletzlichkeit der Brutalo-Schrammler bemerken soll.

Wie das Thema, so der Sound. Hörbar bedienen sich die Rammsteine um Sänger/Texter Till Lindemann aus ihrem alt-bewährten musikalischen Werkzeugkasten. Harte E-Gitarren-Riffs steuert Richard Kruspe bei, der seinen Mesa Boogie-Verstärker mitunter summen lässt wie eine anfahrende Straßenbahn. Lakonische Keyboard-Tänzeleien aus Christian „Flake“ Lorenz’ Sound-Werkstatt und ein gekonnter Mix aus Synthese-Klängen und Brachial-Metall, den sie alle zusammen zu verantworten haben.


Rammlied:
Nach spirituellem Kathedralen-Intro gibt es Gitarren-Breitseiten. Die sechs Ost-Berliner lassen ihre eigene Legende leben und zitieren fröhlich (und nicht zum ersten Mal) aus dem Schatzkästlein eigener Songs. Eine Art „Was bisher geschah“-Revue für Fans und Neueinsteiger.
Ich tu dir weh: Ein vertonter Gottfried Helnwein mit Gabelzinken im Auge. Ein Lied über Auto- oder Fremdaggression mit hallreichen Gesangsbögen und gewaltigen Bässen.

Waidmanns Heil:
„Auf dem Land und auf dem Meer/ lauert das Verderben/ die Kreatur muss sterben“: Ein pralles, üppiges Sittengemälde der Jagd, bei dem Texter Lindemann über „gestrichen Korn“ und „Mündungsenergie“ sein Fachwissen einbringen kann.

Haifisch:
Seiner Vorliebe für Fabelwelten lässt der Frontmann mit dem rollenden „R“ in dieser Drei-Groschen-Oper-Adaption freien Lauf. „Der Haifisch, der hat Tränen/ und die laufen vom Gesicht/ der Haifisch lebt im Wasser/ und die Tränen sieht man nicht“. Und ganz nebenbei wogt eine raffinierte Kapitalismus-Analyse durch die von Tränen versalzten Fluten.

B******:
Düsternis windet sich in finsteren Gitarren-Spiralen abwärts und erinnert ein wenig an „Mutter“. Nur wie das Lied wirklich heißt, bleibt ein Rätsel. Es klingt wie „Büxtabü“.
Frühling in Paris: Inmitten einer prall wuchernden Klang-Konstruktion beweist Lindemann, dass er sogar richtig singen gelernt hat. „Wenn ich deine Haut verließ,/ der Frühling blutet in Paris...“ Der kleinen, große Chanteuse Edit Piaf hätte diese Hommage an ihr Lied „Non, je ne regrette rien“ gefallen.

Wiener Blut:
Nach dem Kanibalen von Rotenburg („Mein Teil“) ist der Song auf Vater Fritzls Spukverlies Programm-Musik. „Die Haut so süß, das Fleisch so fest/ unterm Haus ein Liebesnest.“ Kinderkichern ist unter dieses Stück Reality-Rock gemischt. Eine perverse Inzest-Orgie als Unsittenbild.

Pussy:
Lindemann schafft es, eine Synthese aus Fleischeslust und Deutschtum zu insinuieren, in der alle denkbaren Reizworte vorkommen: Autobahn, Mercedes Benz, Blitzkrieg. „Schönes Frollein, Lust auf mehr/ Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr“.
Liebe ist für alle da: Wunsch und Wahn, das Irrsinnskarrussell beginnt zu rasen.
Mehr: Aus Sparsamkeit ein wenig Riff-Recycling aus früheren Songs, ansonsten aber der ultimative Begleitsong zur Krise. „Zwar bin ich reich/ doch reicht es nicht/ bin nie zufrieden/ es gibt kein Ziel/ gibt kein Genug/ ist nie zu viel/ all die andern haben so wenig/ gebt mir das auch noch/ sie brauchen’s eh nicht“.

Roter Sand:
Eine Feuerzeug-Winke-Hymne, Hard-Kitsch zur ironischen Brechung der Metall-Orgie zuvor. Ein Duell, aus Sicht des Verlierers oder gar eine Aufarbeitung des Tods von SPD-Vorvater Ferdinand Lassalle mit aktuellem Hintersinn? Bei Rammstein kann man ja nie wissen. (Von Ralf Schuler)

Rammstein: Liebe ist für alle da. Universal/Pilgrim.


INTERVIEW - 
Die Realität hat unsere Texte längst eingeholt
Mit Rammstein-Schlagzeuger Christoph Schneider sprach Ralf Schuler



24. Oktober 2009 Märkische Allgemeine Ralf Schuler



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