Österreich
1. Januar 2006
Karikaturmuseum Krems
Gottfried Helnwein
Zur Ausstellung "Die Welt des Manfred Deix"
ODE AN MANFRED DEIX
Ich hatte das große Privileg, schon in sehr frühen Jahren mit einem der großen Genies unseres Zeitalters zusammenzutreffen, und zwar 1965 in den dunklen Räumen der sogenannten „Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt“, die sich damals in der Westbahnstraße, im siebenten Wiener Gemeindebezirk befand. Es war eine denkwürdige, meine jugendliche Seele zutiefst erschütternde Begegnung, die mein Leben völlig verändern sollte.
Manfred Deix und Helnwein
1970
"Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben."
Pablo Picasso
Künstler und Kind zu bleiben und nie erwachsen zu werden, ist für Manfred Deix immer eine Kleinigkeit gewesen – obwohl die Bezeichnung „Kind“ in seinem Fall vielleicht ein bißchen zu ungenau ist: „Bub zu bleiben“, müßte man wohl eher sagen, oder „dicker Bub mit kleinem Spatz“, um ganz genau zu sein.
Ich hatte das große Privileg, schon in sehr frühen Jahren mit einem der großen Genies unseres Zeitalters zusammenzutreffen, und zwar 1965 in den dunklen Räumen der sogenannten „Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt“, die sich damals in der Westbahnstraße, im siebenten Wiener Gemeindebezirk befand. Es war eine denkwürdige, meine jugendliche Seele zutiefst erschütternde Begegnung, die mein Leben völlig verändern sollte.
Meine erste Begegnung mit Kunst fand im Nachkriegs-Wien in kalten Kirchenschiffen statt, wo ich von dem Pandämonium der katholischen Leidens- und Folterikonographie umgeben war. Es waren die blutüberströmten, verzückt gen Himmel blickenden Heiligen, Dornenkronen, Wundmale, Leichname und Herzen, die von kleinen Schwertern durchbohrt waren und aus denen Flammen züngelten, die mich in die schlaflosen Nächten meiner Kindheit verfolgten.
Etwas später trat Donald in mein Leben, der mich in die positive Gegenwelt von Entenhausen entführte, wo ich mich wie einer fühlte, der bei einem Grubenunglück verschüttet worden war und nun nach den Tagen der Finsternis wieder ans Tageslicht trat. Ich blinzelte etwas, weil sich meine Augen noch nicht an das gleißende Licht der Sonne von Entenhausen gewöhnt hatten, und sog gierig die frische Brise, die vom Geldspeicher Dagobert Ducks herüberwehte, in meine staubige Lunge. Ich war endlich in einer vernünftigen Welt angelangt, in der man von Straßenwalzen plattgewalzt und von Hunderten Kugeln durchlöchert werden konnte, ohne den geringsten Schaden zu erleiden; ich war in einer Welt, in der die Menschen wieder anständig aussahen, mit gelben Schnäbeln oder schwarzen Knäufen als Nase.
Den dritten Kulturschock erlitt ich, als ich – auf dem Weg zur Volksschule bei den Schulbrüdern – einen Kaugummi auswickelte und ein schlechtgedrucktes Bildchen von Elvis erblickte. Ich wußte nicht, wer das war, aber eines wußte ich mit Sicherheit: daß es das schönste menschliche Wesen war, das ich je in meinem Leben gesehen hatte. Verglichen mit den vierschrötigen, kurzgeschorenen, verlegen grinsenden Wienern mit ihren verschwitzten, breiten Hosenträgern, ihren Goiserern und Kleppermänteln war er von geradezu unirdischer Schönheit.
Und einige Jahre später, nachdem ich, an verschiedenen Schulen kläglich gescheitert, in der besagten „Graphischen“ - angelangt war, hatte ich meine vierte Offenbarung: ich traf Manfred Deix.
Dies war der Beginn eines eheähnlichen Verhältnisses, das ein ganzes Leben lang bestehen sollte, lange bevor gleichgeschlechtliche Ehen überhaupt gesetzlich erlaubt waren. Zugleich war es aber auch der Beginn einer wundersamen und abenteuerlichen Reise in die Welt der Beistriche, Zumpferln und Spätze, der Schase und der Schasaugen, der popschelnden Kleriker und der grimassierenden Samenspender, der gabelmachenden beleibten Hausfrauen und der erregten Kardinäle, die ihre Nasen tief in den Pöpsche fülliger Knaben steckten.
Wenn Michelangelo sagt, die größte Kunst sei „nichts als ein Schatten der göttlichen Perfektion“, dann tritt Deix mit seiner Kunst den unerbittlichen Gegenbeweis an: Er zeigt uns, daß das Werk des Schöpfers nur so strotzt von Fehlern, Peinlichkeiten und Schnitzern. Gott sei Dank, muß man sagen, denn bei einem perfekten Gott hätten wir wenig zu lachen, und es war Deix, der uns zu der bedeutenden philosophischen Erkenntnis verholfen hat, daß die Schöpfung lächerlich und Gott der größte Humorist ist.
Aber Manfred war stets auch ein Suchender, ein Fragender, ein von unbändigem Forscherdrang erfüllter, nie rastender Geist, der den Dingen auf den Grund zu gehen trachtete. Und so war er schon in früher Jugend nach Wien gekommen, um all die Wunder und Geheimnisse dieser pulsierenden Metropole in sich aufzusaugen und vor allem das mit seinen eigenen Augen zu sehen, wonach seine kindliche Seele so lange gedürstet hatte: 'Huren, Juden und Warme'.
Er war ein Malstrom, der mich mit elementarer Gewalt aus meinem Ministrantendasein riss und in eine Welt der Abenteuer stiess, der Leidenschaften, des Rausches und der Sünde.
Mit ihm rannte ich viele Tage und Nächte ohne zu essen und zu ruhen mit blutenden Füssen von Venedig nach Wien, ich war Zeuge, als er Samson gleich, eine Wohnungstüre samt Türstock einriss, um Marietta, seine Geliebte aus den Armen eines liebestrunkenen schweizer Architekten zu befreien und ich sah ihn weinend vor den Beach Boys knien.
In der behaarten Brust dieses berserkerhaften Mannes schlägt nämlich ein grosses Herz, das neben den Californischen Musikern und den Frauen, jedoch vor allem den Tieren gehört.
Natürlich ist die Freundschaft mit solch einem Genie nicht ganz unproblematisch, weil es einem in dessen Nähe manchmal ganz schön warm werden kann, so wie dem Sohn des Daedalus, der der Sonne zu nahe gekommen war, und man muss aufpassen, daß einem das Wachs der Flügel nicht zu schmelzen beginnt. Denn dieser Deix ist eine Urgewalt, sein Zeichentalent hat nichts Menschliches mehr, er ist wie ein Tsunami, der über alle anderen Zeichner und Maler hinwegfegt und nichts als Verwüstung und Wehklagen hinterläßt. Nur jemand, der ihm einmal dabei zugesehen hat, wie er seinen Bleistift wie von selbst über das Papier tanzen lässt, und man das Unfassbare in einer geradezu frivolen Leichtigkeit und atemberaubenden Geschwindigkeit entstehen sieht, kann erahnen, wie zutiefst traumatisch dieses Erlebnis für einen heranwachsenden Adepten der Schönen Künste sein kann. Vor allem, wenn man sieht, wie das dicke Wunderkind bei diesem Schöpfungsakt selbst ganz überrascht und belustigt wirkt, so als sei es erstaunt über das, was es da unter seinen Händen heranwachsen sieht.
Ähnlich muß es einigen Sportlern 1960 in Rom bei den Olympischen Spielen ergangen sein, als sie sahen, wie ein unbekannter 18jähriger Athlet aus Louisville, Kentucky mit dem Namen Cassius Clay im Ring zu tanzen begann. – Das war übrigens im selben Jahr, als Manfred, der rotwangige Sohn des Stuzl-Wirtes aus Böheimkirchen, seinen ersten Comic strip für die Niederösterreichische Kirchenzeitung zeichnete..
So seltsam es klingen mag – diese beiden jungen Menschen hatten etwas gemeinsam: sie waren Jahrhunderterscheinungen, die die Welt grundlegend verändern sollten – der eine die Welt des Boxsports, der andere die Welt der satirischen Zeichnung. Beide zeigten dem staunenden Erdkreis Kunststücke, die man bis dahin für völlig unmöglich gehalten hatte. Und beide flatterten wie die Schmetterlinge und stachen wie die Bienen.
Manfred Deix flattert und sticht immer noch - er ist der Muhammad Ali der zeichnerischen Künste.
Gottfried Helnwein
Los Angeles, 16. Januar 2006




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