Österreich
1. August 2007
Kinderösterreich
Erinnerungen an die Kindheit in Niederösterreich, ein Buch von Karl Hohenlohe
Gottfried Helnwein
Zwischen Himmel und Hölle
Unser meist alkoholisierter Nachbar, der des öfteren als Zigeuner bezeichnet wurde, hatte eine Tochter, die Poldi, welche von unirdischer Schönheit war. Sie hatte ein rundes, zimtfarbenes Gesicht, dunkles schweres Haar das zu Zöpfen geflochten war, schwarze Augen, die so tief und tückisch waren wie das Moor, und einen zu verschlingen drohten, und ein süsses Grinsen, welches mein Knabenherz fast um den Verstand brachte. Sie war es, die mich eines Tages im Fliederbusch hinter dem Haus in die hohen Künste des Doktorspielens einweihte, was meine Hochachtung vor ihrer medizinischen Fachkenntnis und meine Liebe zu ihr ins Unermessliche steigerte. Leider war unser kindlich-rustikales Gomorrha nur von kurzer Dauer, da meine Eltern unser Treiben entdeckten, und in Panik ausbrachen. Da ich, ohne es zu wissen, eine Todsünde begangen hatte, wurde ich leider sofort nach Wien geschickt wo ich Seelsorgeunterricht bekam, und nach einer Sondererlaubnis durch den Erzbischof, schon mit 5 Jahren zur Frühkommunion, und damit auch zur Beichte zugelassen wurde, um mein kleines Herz von der Sünde der Unkeuschheit zu befreien.
Gottfried Helnwein
1953
In der Küche stand ein grosser Herd, der  mit Holzscheiten beheizt wurde. Es zischte und brodelte, und in den Dämpfen sah man schemenhaft die Grossmutter und die anderen Frauen rühren und schütten, schneiden und hacken,  sodass man unwillkürlich an einen Hexensabbat denken musste. 
 Die Speisekammer, die auch im heissesten Hochsommer immer kühl und dunkel war, war stets mit den grössten kulinarischen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte gefüllt:  da stand ein Fass mit Sauerkraut und der dazugehörigen Holzzange, Gläser mit eingelegten Salzgurken und Kräutern, da hing geräucherter Speck an eisernen Haken von der Decke,  es gab Ganselschmalz, Grammeln (4), Bratlfetten, Blunzen (5),  selbstgebackene, runde krustige Brotlaibe,  Topfengolatschen (6), Wuchteln (7), Mohn- und Nussstrudel, Vanillekipferln, und je nach Jahreszeit Äpfel, Birnen, Marillen, Pfirsiche oder Kirschen, und eine unglaubliche Zahl an eingeweckten (8) Kompotten und Marmeladegläsern, die aus Platzmangel  auch im ganzen Haus auf und unter allen Schränken verteilt waren. 
Das Wasser musste Sommer wie Winter mit dem Kübel vom Brunnen geholt werden und das Häusl (9) war ein zugiges Plumpsklo direkt am Misthaufen mit altem Zeitungspapier zum Auswischen und dem Bauernbundkalender, der "Stadt Gottes"  und dem "Jesusknaben" (10) zum lesen.
Mein Grossvater war ein Heiliger. Er war der gütigste und liebenswerteste Mensch den ich je getroffen hatte.  Während der Arbeit trug er einen Spencer (=kurzer Janker der Weinbauern (11) und ein Firta, die blaue Bauernschürze, rauchte Austria 3 (12) und sprach fast nie.  Aber jeden Sonntag verwandelte er sich, zumindestens in meinen Augen, in einen Sheriff mit seinem aufgedrehten Schnurrbart, seinen Stiefeln und dem Gilet mit der schweren silbernen Taschenuhr. Dann hob er mich mit seinen schwieligen braunen Händen auf seinen Schoss, holte seine Virginia-Zigarren heraus und las die Zeitung. 
Im Winter packte er mich manchmal in eine warme Decke ein, setzte mich auf seinen Pferdeschlitten und  fuhr schweigend mit mir über den knirschenden Schnee in den Wald um Reisig und Holz zu holen. 
Unser meist alkoholisierter Nachbar, der des öfteren als Zigeuner bezeichnet wurde, hatte eine Tochter, die Poldi, welche von unirdischer Schönheit war. Sie hatte ein rundes, zimtfarbenes Gesicht, dunkles schweres Haar das zu Zöpfen geflochten war, schwarze Augen, die so tief und tückisch waren wie das Moor, und einen zu verschlingen drohten, und ein süsses Grinsen, welches mein Knabenherz fast um den Verstand brachte.
Sie war es, die mich eines Tages im Fliederbusch hinter dem Haus in die hohen Künste des Doktorspielens einweihte, was meine Hochachtung vor ihrer medizinischen Fachkenntnis und meine Liebe zu ihr ins Unermessliche steigerte. Leider war unser kindlich-rustikales Gomorrha nur von kurzer Dauer, da meine Eltern unser Treiben entdeckten, und in Panik ausbrachen.
Da ich, ohne es zu wissen, eine Todsünde begangen hatte, wurde ich leider sofort nach Wien geschickt wo ich Seelsorgeunterricht bekam, und nach einer Sondererlaubnis durch den Erzbischof, schon mit 5 Jahren zur Frühkommunion, und damit auch zur Beichte zugelassen wurde, um mein kleines Herz von der Sünde der Unkeuschheit zu befreien.
Gottseidank wurde ich bald danach wieder aus dem wiener Fegefeuer entlassen und  durfte  zurück zu meinem Bauernhof, dem Reich der nie versiegenden Wunder: 
Zum Schweineschlachten, Hendlrupfen (13), Kuhmelken und Ganslstopfen, zum Scherenschleifer der rufend von Haus zu Haus ging, zu dem verschwitzten Dorfschmied mit der speckigen Lederschürze der unsere Pferde beschlug, dem Dorfgreissler dessen Türe ein heftiges Bimmeln auslöste, wenn man eintrat und bei dem es alles zu kaufen gab - von Zuckerlautos für 5 Groschen, den gelben mit Zitronen- und den roten mit Himbeergeschmack (14), den Stollwercks, Backsoda und Hirsch-Zitronella Schichtseifen, bis  zu  Quargeln, Gartenwerkzeugen, Fliegenfängern, Tintenstiften, Löschpapier und DTD.
Und natürlich dem Brausepulver, das wir uns auf unsere schmutzigen Handflächen schütteten und mit der Zunge ableckten, wo sich die kleinen gefärbten Kristalle dann in einem Feuerwerk von Mikro-Explosionen auflösten und einen säuerlich-ätzenden Geschmack erzeugten.
Zum Dreschen und Ackern, den brennenden Stoppelfeldern, Brennesseln, Mohn- und Kornblumen, den heftigen Ungewittern und den alten Frauen, die mit dem Messer drei Kreuze auf das Brot kratzten, bevor sie es anschnitten, den Heiligen Nepomuks an jedem Brückchen, die stets verzückt gen Himmel blickten, den Marterln (15) mit vertrockneten Blümchen und Ewigen Lichtern, die in roten Gläsern tanzten und den Kalvarienbergen (16). Zu den Marienkäferln die immer nach Mariabrunn flogen und den Schusterkäfern, die ihren Namen warscheinlich deshalb bekamen, weil sie so oft eng aneinanderhingen und sich dabei ruckartig bewegten, was den Eindruck erweckte, sie schusterten ständig ("schuastan"= Geschlechtverkehr ausüben). 
Zurück zur Weinlese, den Holzbutten voll süsser  Trauben, coelinblauem Kupfervitriol (17), feucht-modrigen Weinkellern und dem Durchfall nach übermässigem Sturm-Genuss, zu Zuckerrüben, Kartoffeln, Engerlingen, Kirtagen, geweihten Ostereiern und Salz, Hochämtern und Ratschen. 
Zurück auf den Dachboden, wo sich die Sonne mit dünnen Lichtfingern durch das schadhafte Dach bohrte, in denen der Staub tanzte, zu den vergilbten Fotos vom Kaiser Franz Joseph und von meinem jugendlichen Opa, der in einer operettenhafter Ulanenuniform vor einer gemalten Parklandschft stand, aufgenommen von einem k.und k. Photographen aus Laa an der Thaya; zu dem verrosteten Gewehr, das irgend ein Russe zurückgelassen hatte, zu den klobigen, brummenden und krabbelnden Maikäfern, die aussahen als kämen sie geradewegs aus einer Wilhelm-Busch-Geschichte,  zu den Hochzeiten, Blaskapellen, der gelblichen Leiche, die von Kerzen umstellt, im Haus aufgebahrt war,  und den Begräbnissen mit  schwarzgekleideten Ministranten, die schwarze Fahnen mit silbernen Totenköpfen und gekreuzten Knochen trugen. Zu den Mopeds und dem ersten Vollrausch.
Aber anfangs der 60er Jahre  begann diese jahrhundertalte Kultur zu bröckeln. Was die Türken, der 30jährige Krieg, Napoleon, der Zusammenbruch der Monarchie und zwei Weltkriege  nicht geschafft hatten, erledigte die moderne Zeit mit ihren Wunderwaffen Rationalisierung und Technisierung im nu.
Es gab eine Flurbereinigung in der die vielen bunten, kleinen Felder zu grossen Flächen zusammengelegt wurden, den Bauern wurde eingeredet ihre unrentablen altvaterischen Bio-Bauernhöfe aufzugeben und in moderne agrarische Monokulturen umzuwandeln und den Ertrag mit hochwirksamen Herbi- und Pestiziden und synthetischen Düngemitteln zu steigern. 
Die Kornblumen verschwanden allmählich, ebenso die Maikäfer und schliesslich alle anderen Tiere auch.
Heute gibt es in unserer Gegend kaum mehr Bauern.  Die Schwemm, die Obstbäume und der hölzerne Glockenturm in der Mitte des  Dorfplatzes sind verschwunden, weil das Angelus nicht mehr geläutet wird und es sowieso keine Enten mehr gibt.  Stattdessen erstreckt sich da jetzt eine riesige, graue Asphaltfläche, in deren Mitte eine Parkbank steht,  mit einem Messingschild in das die sinnigen Worte "Verschönerungsverein Staatz-Kautendorf" eingraviert sind. 
Es ist still wenn man heute in das Dorf kommt,  keine Menschenseele ist zu sehen, nur die silbergrauen und beigen Toyotas die vor den Häusern  geparkt sind,  zeugen davon, dass hier Menschen leben. Vielleicht sitzen Sie vor den Fernsehern  und schauen sich "Big Brother" an, oder sie sind gerade beim speed-dating irgendwo im worldwide web.
Im letzten Juni hat mich Landeshauptmann Erwin Pröll zur Sonnwend-Schifffahrt auf der Donau durch die Wachau eingeladen, wo er mich zu meiner Überraschung zum ehrenamtlichen Botschafter Niederösterreichs gekürt hat. Er schenkte mir einen edlen feingesprenkelten Kalmuck (18), der genauso aussah wie der Janker meines Opas, nur dass der damals  bei uns Spencer hiess und aus einem viel gröberem Tuch war.
Das Schreiben dieser Zeilen, die ich nun in allerletzter Minute eilig heruntertippe, hat mich ein bisschen wehmütig gemacht, weil er so viele längstvergessene Erinnerungen aufgestiert hat (19).
Aber was soll's, ich werde heute den Spencer anziehen und  damit zu  McCarthy's Pub hinübergehen und ein Pint Guinness auf den Landesvater Erwin,  das schöne Niederösterreich und die Poldi trinken.
Gottfried Helnwein
July 2007
Tipperary
Ireland










Endnoten:
(1) Trettn =
Arkaden eines niederösterreichen Bauernhofes, die dem Stallungstrakt vorgelagert sind. Die weitgezogenen Korbbögen und die schlanken Säulen mit Sockel und Deckplatte verleihen dem Innenhof eine an Schloßhöfe erinnernde Eleganz. Nicht zu unrecht ist die Trettn als der "adelige Teil" des Bauernhauses bezeichnet worden. Dabei ist die Trettn durch hohe Funktionalität ausgezeichnet: Sie ist nicht nur ein überdachter Zugang zu Stallung und Abort, der üblicherweise beim Misthof gelegen ist, sondern auch Arbeitsplatz für Tätigkeiten, die man nicht im Haus, aber doch unter Dach verrichten wollte. Die elegante Form der Säulentrettn ist offensichtlich in der Gegend rund um Staatz besonders häufig anzutreffen.
(2) Schwemm =
Dorfteich in dem die Frauen früher die Wäsche geschwemmt, gespült haben.
(3) Mandln =
Kornmandl: Die Garben des geschnittenen Korns (Getreides) wurden in Form von "Mandln" (kleinen Männchen) zusammen gestellt.
(4) Grammeln=
Speckgrieben
(5) Blunzn=
Blutwurst
(6) Topfengolatschen=
Die Kolatsche (auch Golatsche oder Tatscherl), vom tschechischen „koláč“, ist eine typische böhmisch-österreichische (Stück-) Mehlspeise, ursprünglich aus einem festeren, süßen Germteig mit einer Topfen-Füllung (bestehend aus Topfen (Quark), Zucker, Eidotter, und Rosinen).
(7) Wuchteln =
Buchteln (auch: Wuchteln) sind süße gefüllte oder ungefüllte Hefeknödel oder -taschen, die im Ofen gebacken werden. Buchteln sind ein typisches Gericht aus der böhmischen Küche, das auch Eingang in die sächsische, bayerische und österreichische gefunden hat. In der österreichischen und böhmischen Variante werden Buchteln häufig mit Powidl (Pflaumenmus) gefüllt, in Bayern - wo sie Rohrnudeln heißen - auch oft mit Powidl oder frischen, ganzen Zwetschgen. Als Wiener Spezialität werden vor dem Backen jeweils 5 Stück zu einem Kreis mit einer Kugel in der Mitte zusammengefügt. Nach dem Backen werden sie mit Staubzucker (Puderzucker) bestäubt und eigentlich immer warm gegessen.
(8) eingeweckt =
Einkochen, Einmachen oder Einwecken ist eine physikalische Methode, Lebensmittel durch Erhitzen und Luftabschluss zu konservieren. Das Prinzip ist dasselbe wie beim Haltbarmachen in Konservendosen, Die Zutaten werden vorgekocht oder roh mit genügend Flüssigkeit in gründlich gereinigte Einkochgläser gefüllt und mit einem Gummiring und einem Deckel verschlossen. Der Deckel wird während des Einkochens mit einem Drahtbügel fixiert. Drahtbügel und Gummiring funktionieren wie ein Überdruckventil.
1900 gründete Johann Carl Weck zusammen mit dem Kaufmann Georg van Eyck in Öflingen die Firma J. Weck u. Co. Die sich daraufhin rasch im gesamten deutschen Sprachraum ausbreitende Wortschöpfung "einwecken" ist also auf den Namen Weck zurückzuführen. Bereits 1907 wird das neue Wort in den Duden aufgenommenen. Weitere Entwicklungen des Einkochens war die Einführung von Zellglas (Cellophan), vor allem für Marmeladen, oder des Schraubverschlusses als Alternative zu den mit Gummiringen abgedichteten Weckglas-Deckeln.
(9) Häusl =
Toilette
(10) Stadt Gottes, der Jesusknabe =
Katholische Monatszeitschriften, die in den 50er Jahren in Österreich, vor allem in ländlichen Gebieten, sehr verbreitet waren.
(11) Janker =
Trachtenjacke
(12) Austria 3 =
Eine der ersten, billigsten und geradezu „gefürchteten“ filterlosen Zigarettensorten, die von den Austria Tabakwerken bis etwa Ende der 50er Jahre produziert wurde.
(13) Hendlrupfen =
die Federn des geschlachteten Huhnes zupfend ausreissen
(14) Zuckerlautos =
Saure Drops in Autoform, gab es in den Farben Rot, Gelb, Orange und Grün bis zu den 60er Jahren in Österreich.
(15) Marterl =
Ein Bildstock oder Wegstock, ist ein meist zu religiösen Zwecken errichtetes Wahrzeichen im Freien. Die österreichische/süddeutsche Bezeichnung Marterl leitet sich von der hl. Martha - die Schwester des Lazarus - ab, die ursprünglich oft auf den Bildstöcken dargestellt wurde.
(16) Kalvarienberg =
Kalvarienberg (von lateinisch calvaria „Schädel“-Stätte) bezeichnet zunächst die Hinrichtungsstätte Jesu Christi vor den Toren Jerusalems, auch bekannt unter ihrem aramäischen Namen Golgota. Als Kalvarienberge (franz. calvaire) bezeichnet man heute insbesondere Nachbildungen der Kreuzigungsgruppe, oft auf kleinen Hügeln. Große Bedeutung erlangte die Errichtung von Kalvarienbergen im Barock. Oft wurden auch 14 Kreuzweg-Stationen am Anstieg zu Wallfahrts- oder „Hausbergen“ errichtet.
(17) Kupfervitriol =
In einem ursprünglichen Silberbergwerk in Schriesheim wurde wegen des hohen Kupfergehaltes später auch Kupfervitriol gewonnen. Und genau solches Kupfervitriol war die Rettung für den Weinbau in Europa, da es den Winzern damals half, die aus Nordamerika eingeschleppte Pilzkrankheit Peronospora zu bekämpfen. Ältere Mitbürger erinnern sich sicher noch an die blauen Weinberge um die Mitte dieses Jahrhunderts...
(18) Kalmuck =
Die Kalmuck-Jacke, im Volksmund "Janker" genannt, ist ein wesentlicher Bestandteil der Niederösterreichischen Volkskultur, besonders in der Wachau. Der Janker diente den Weinbauern als Arbeitsbekleidung und wurde dadurch prägnanter Bestandteil der Niederösterreichischen Arbeitstracht. Im Weinviertel nannte man diese Jacke Spencer.
(19) aufgestiert =
Aufstieren, aufstören, aufstochern (...einen Funken zu einer Flamme aufzustieren, ...die Glut aufstochern).
Gottfried Helnwein mit seinem Vater im Obstgarten
1949
Gottfried Helnwein mit junger Ziege
1953
Gottfried Helnwein auf der Burgruine Staatz
1958




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