Österreich
7. Dezember 2015
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Politik
Rainer Blasius
Kurt-Waldheim-Braune-Zeit-als-Hofburg-Leid
Kurt Waldheim - Braune Zeit als Hofburg-Leid
Mit der Waldheim-Krise - so das Resümee - setzte „ein grundlegender politisch-kultureller Wandel“ ein. Tidls Kronzeuge ist Gottfried Helnwein: Für den Künstler war der bis 1992 in der Hofburg amtierende Waldheim „ein guter Bundespräsident, den hat der Herrgott geschickt. Denn bis jetzt mussten bloß die Deutschen ihre Vergangenheit bewältigen. Und Österreich, das immer glaubte, sich besonders elegant als erstes Opfer fortschwindeln zu können, wurde durch diesen Bundespräsidenten ertappt.“ Denn die allermeisten „Volksgenossen“ waren auch in Hitlers Heimat Opportunisten und Karrieristen gewesen.
Nach einem alten Bonner Diplomaten-Bonmot beherrschten die Wiener das Kunststück, aus Beethoven einen Österreicher und aus Hitler einen Deutschen zu machen. Das änderte sich schlagartig durch die Affäre um Kurt Waldheim.
An die Lebenslüge vom „ersten Opfer“ der nationalsozialistischen Aggression konnte sich Österreich vier Jahrzehnte klammern. Nach einem alten Bonner Diplomaten-Bonmot beherrschten die Wiener das Kunststück, aus Beethoven einen Österreicher und aus Hitler einen Deutschen zu machen. Das änderte sich schlagartig durch die Affäre um Kurt Waldheim, die im Frühjahr 1986 - im Wahlkampf des früheren UN-Generalsekretärs für das Bundespräsidentenamt - mit einem Zeitungsartikel über eine vermutete Mitwirkung des einstigen Wehrmacht-Oberleutnants an NS-Kriegsverbrechen begann.
Der 1948 geborene ORF-Journalist Georg Tidl war einer der Ersten, die seit 1985 Waldheims biographische Selbstauskünfte prüften und für die Phase bis 1945 Lücken und Widersprüche entdeckten. Von seinen Recherchen weiß er mitreißend zu erzählen, nennt auch erstmals seine beiden Unterstützer Hans Rödhammer und Hubertus Czernin, um stolz zu verkünden: „Nicht irgendwo und nicht irgendwer hat sich in dieses Kapitel österreichischer Zeitgeschichte eingegraben, sondern Österreicher waren es - in erster Linie.“ In diesem Zusammenhang widmet sich Tidl der Sitzung des burgenländischen SPÖ-Landesparteivorstandes vom 28. Oktober 1985, auf der Bundeskanzler Fred Sinowatz mit Blick auf die Wahl des Staatsoberhaupts über den ÖVP-Kandidaten gesagt haben soll, man werde „Österreich rechtzeitig an Waldheims braune Vergangenheit erinnern“. Dazu Tidl: „Frau Ottilie Matysek war bei diesem Parteivorstand anwesend. Und in ihrer Mitschrift findet sich genau diese Formulierung von der braunen Vergangenheit. Ich war natürlich nicht in diesem Landesparteivorstand anwesend und kann daher auch nicht wissen, was Fred Sinowatz damals gesagt hat, aber als ich das erste Mal von dieser Mitschrift gehört habe, ist mir sofort aufgefallen, dass das genau dieselben Worte sind, die ich eineinhalb Monate vorher Frau Ottilie Matysek gegenüber im Hotel Wende verwendet hatte. Ein halbes Jahr ging vorüber, der Wahlkampf kam auf Touren, die Campaign ebenfalls.“ Alfred Worm machte in der Zeitschrift „Profil“ den Sinowatz-Satz publik.
Daraufhin ging der Bundeskanzler gegen den „Profil“-Journalisten gerichtlich vor „wegen des Vorwurfs unehrenhaften und gegen die guten Sitten verstoßenden Verhaltens“. Die Folge war ein jahrelanger Rechtsstreit, in dem Frau Matysek als Zeugin erklärte, „dass Sinowatz die inkriminierten Worte gesagt“ und sie diese in ihren Notizen festgehalten habe. Das wiederum bestritt Sinowatz. Ende 1987 wurde die Klage gegen Worm abgewiesen. Sinowatz, der bereits nach Waldheims Sieg bei der Bundespräsidentenwahl als Regierungschef zurückgetreten war, wurde in einem anderen Verfahren, das Ottilie Matysek gegen ihn und einige SPÖ-Genossen wegen Ehrverletzung angestrengt hatte, Mitte April 1991 rechtskräftig wegen einer Falschaussage zu einer hohen Geldstrafe verurteilt.
Für Tidl war Waldheim „ein Relikt der Wehrmachtsgeneration“, „Sinnbild des zweifelhaften Umgangs der Österreicher mit ihrer Geschichte seit 1938“, vor allem durch dessen „Entschuldungsversuch mit der Pflichterfüllung“. Die Alpenrepublik sei nachsichtig mit den „Ehemaligen“ gewesen: „Mit dem Argument, man wolle Hass-Justiz vermeiden, blieben auch Vielfachmörder und Serienverbrecher unbehelligt - im Gegensatz zu anderen Ländern. Für die Opfer eine jahrzehntelange Verhöhnung.“ Die Parteien hätten „den oft wenig reumütigen Nationalsozialisten die Hand“ entgegengestreckt und die westlichen Alliierten, besonders die CIA, „alles, was sie für brauchbar hielten im Kampf gegen den Kommunismus“, in ihre Dienste geholt: „auch unverbesserliche Nazis und Kriegsverbrecher - Männer, gegen die Waldheim zum Unschuldslamm verkommt“.
Tidl zählt gröbste Versäumnisse in der Auseinandersetzung mit der „Ostmark“-Zeit auf, hebt hervor, dass Bruno Kreisky (der aus einer jüdischen Familie stammende SPÖ-Kanzler von 1970 bis 1983) „sechs ehemalige Nationalsozialisten mit Ministerämtern betraut“ habe. Daher sei Waldheims Wahlerfolg am 8. Juni 1986 kein demokratischer Betriebsunfall gewesen; die ÖVP-Parole von der „Pflichterfüllung im Kriege“ habe ein letztes Mal gewirkt. Mit der Waldheim-Krise - so das Resümee - setzte „ein grundlegender politisch-kultureller Wandel“ ein. Tidls Kronzeuge ist Gottfried Helnwein: Für den Künstler war der bis 1992 in der Hofburg amtierende Waldheim „ein guter Bundespräsident, den hat der Herrgott geschickt. Denn bis jetzt mussten bloß die Deutschen ihre Vergangenheit bewältigen [. . .]. Und Österreich, das immer glaubte, sich besonders elegant als erstes Opfer fortschwindeln zu können, wurde durch diesen Bundespräsidenten ertappt.“ Denn die allermeisten „Volksgenossen“ waren auch in Hitlers Heimat Opportunisten und Karrieristen gewesen.
Georg Tidl: Waldheim. Wie es wirklich war. Verlag Erhard Löcker, Wien 2015. 228 S., 24,80 €.








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